Wie fühlt es sich an, gelesen zu werden? Ein und dasselbe Buch kann sowohl geliebt als auch gehasst werden. Das kann stark damit zusammenhängen, dass man nicht in einen Lesefluss reinfindet. Aber was, wenn es Menschen gibt, bei denen das einfach nicht funktioniert?
In der Hand 
Kennt ihr das Gefühl von Händen, die über euch streichen? Von Fingerspitzen, die über eure Seiten fahren. Von Striemen auf eurem Rücken… Es ist das schönste Gefühl auf der Welt, es ist meine Bestimmung, so geliebt zu werden.
Das Tolle daran ist, dass jede*r dabei individuelle Bilder im Kopf hat. Das ist es doch, was mich von anderen unterscheidet. Was mich besonders macht. Filme sehen für alle gleich aus. Die gleichen Bilder, die selben Geräusche… keine individuellen Erfahrungen. Auch das Theater reiht sich da ein. Etwas minimalistischer in der Darstellung, aber dennoch: für alle gleich.
Ich halte dagegen für alle unterschiedliche Erfahrungen bereit. Eine Vielzahl von Eindrücken und Emotionen. Ganz verschiedene Bilder. Obwohl ich immer dasselbe erzähle. In meinem Leben wandere ich durch viele Hände und sie sind alle einzigartig. Genauso wie ihre Köpfe. Manchmal frage ich mich, was in denen eigentlich vorgeht, während sie mich lesen.
Im Lesefluss 
Natürlich wünsche ich mir, dass ich es schaffe, bei allen einen Fluss zu erzeugen. Denn das ist es, wofür ich geboren wurde: einen Lesefluss kreieren, für alle und überall. Wörter fließen ineinander, Sätze bilden sich zu einer Geschichte, ein Film spielt sich vor dem inneren Auge ab – und zwar ein Film, der für jede*n anders aussieht.
Und ich habe wirklich mein Bestes gegeben, damit das funktioniert. Ich habe kurze Kapitel – natürlich nicht zu kurz, damit man nicht nach zwei Seiten abrupt gestoppt wird und den Faden wieder neu aufnehmen muss. Aber eben auch nicht lang, sondern nur so lang, dass nur Platz für das Spannende ist, nicht für das Langweilige, das sich dazwischen ereignet. Wer will schon Lesen, wie jemand achtmal am Tag auf Toilette geht? Niemand – und deswegen steht es auch nie in uns drin. Das Ende eines Kapitels ist natürlich besonders wichtig. Ein Cliffhanger soll es sein, etwas, das die Leser*innen am Haken behält und zappeln lässt, sodass man es kaum abwarten kann, zum nächsten Kapitel zu kommen.
Zum Lesen braucht es Text, klar. Denn wie will man einen Lesefluss erzeugen, wenn es nichts zu Lesen gibt? Ich habe bei vielen meiner Freunde gesehen, wie sie es machen: total langweilig, monoton, immer das Gleiche. Es geht aber auch ganz anders, abwechslungsreich. Und ich habe mir größte Mühe gegeben, das zu schaffen. Mit Interviews, Chatverläufen, handgeschriebenen Tagebucheinträgen, Zeichnungen. Ich habe ganz unterschiedliche Formate in meinen Text integriert, sodass die Leser*innen immer etwas Neues zu entdecken haben. Dadurch vergeht der Spaß an mir ganz sicher nicht.
Mit mir vertreibt man sich nicht die Zeit – mit mir genießt man sie. Mit mir kann man die schönste Zeit seines Lebens haben. Der amerikanische Schriftsteller James Daniel sagte einst: „Bücher sind fliegende Teppiche ins Reich der Fantasie.“ Seht ihr? Ich bin viel mehr als nur ein Buch. Ich bin jemand, der euch in fremde Welten führt, euch Dinge erleben lässt, die ihr sonst niemals sehen würdet. Wie könnte man mich nicht lieben?
Im Kopf des Lesenden 
Wie kann man so etwas nur lieben? Es ist schrecklich. Es ist Zeitverschwendung. Es ist das anstrengendste Buch, das ich jemals gelesen habe. Über zehn Seiten hinweg wird die Landschaft genauestens beschrieben. Warum? Ich kann sie mir eh nicht vorstellen. Das reißt mich komplett aus dem Lesefluss raus. Mal abgesehen davon, dass es ohnehin extrem schwer für mich ist, überhaupt in einen Lesefluss zu kommen.
Mir fehlt einfach das Visuelle.
Ich sehe keine Bilder, wenn ich lese. Ich sehe nur Wörter.
Einzelne Einheiten, die sich zu einer Kette verbinden. Doch sobald es für mich zu anstregend wird ihnen zu folgen, zerbricht diese Kette.
Da ich unbedingt verstehen wollte, was bei anderen Personen im Gehirn passiert, wenn sie lesen, habe ich mir ein Video von Quarks dazu angeschaut. Lesen wird hier als „Ein Feuerwerk im Gehirn“ beschrieben. Das kann ich ja mal so gar nicht nachempfinden.
Es gibt für das Lesen keinen eigenen Bereich im Gehirn. Stattdessen passieren viele Sachen in ganz unterschiedlichen Arealen gleichzeitig. Das Wort, das man liest, kommt erst in den visuellen Kortex und wandert dann in einen Bereich, in dem es erkannt wird. Natürlich erkenne ich ein Wort. Ich verstehe auch seine Bedeutung. Ich empfinde sogar teilweise Gefühle beim Lesen. Manchmal empfinde ich Wörter und Sätze auch als schön, ja sogar als ästhetisch. Weil sie mich vom Aussehen und der Anordnung der Buchstaben ansprechen. Das ist für andere Menschen vielleicht schwer zu verstehen. Mir wiederum fällt es schwer, zu verstehen, wie Leute sich das Gelesene vorstellen können. Bei mir ploppen nicht plötzlich Bilder vor dem geistigen Auge auf.
Das, was ich habe, ist ganz selten und betrifft nur ungefähr vier Prozent der Menschen. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Afantasie. Mir fehlt das Vorstellungsvermögen.
Warum es das genau gibt, hat die Forschung noch nicht so richtig herausgefunden. Es gibt aber unterschiedliche Theorien dazu. Eine der verbreitetsten ist, dass die Verbindung zwischen präfrontalem Kortex, also quasi dem Kontrollzentrum des Gehirns, und dem visuellen Kortex, dem Bereich, in dem die Bilder entstehen, gestört ist.1 Die beiden Hirnareale können nicht miteinander kommunizieren.
Die Konsequenz daraus: Ich sehe keine Bilder beim Lesen. Ich kann mir keine Figuren bildlich vorstellen. Ich befinde mich nicht an den beschriebenen Orten. Deshalb achte ich vermutlich viel mehr auf den Text, auf das Geschriebene an sich, als andere Leute es tun. Zumindest meine Freund*innen erzählen immer von ganz anderen Erfahrungen beim Lesen, als ich sie habe. Und auch jede*r von ihnen hat ganz andere Erfahrungen beim Lesen ein und desselben Buchs. Wie funktioniert das überhaupt? Wie lässt sich das Entstehen individueller Bilder in verschiedenen Köpfen erklären?
Wegen meiner Afantasie können mich ein schlechter Schreibstil oder ausschweifende Beschreibungen viel einfacher aus dem Lesefluss reißen. Und dieses Buch besitzt so einige davon. Ich glaube, ich muss es wieder loswerden. Das ist mir einfach zu anstrengend.
Im Bücherschrank 
Da steh‘ ich nun, ich armes Buch,
ich war bei ihr nur zu Besuch.
Goethe umzudichten hilft mir nun auch nicht weiter, jetzt da ich achtlos zurück in den Schrank gestellt wurde, aus dem man mich einst entnommen hat.
Ich verstehe es einfach nicht. Ich habe alles gemacht, damit man mich liebt. Alles, damit man es liebt, mich zu lesen und nur so durch meine Seiten fliegt. Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Mal. Die Person, die mich gelesen hat, war in zwei Tagen fertig. Sie hat mich gar nicht mehr aus der Hand legen können. Ich spürte das Kribbeln in meinem gesamten Körper; es war ein unbeschreibliches Gefühl. Kaum zu glauben, dass es Leute gibt, die keine gute Zeit mit mir haben.
Dafür bin ich jetzt wieder auf Reisen. Da trifft man sowieso die interessantesten Persönlichkeiten. Manche haben schon vieles gesehen und durchgemacht, ihre Körper sind von Rissen und Falten gezeichnet. Andere sehen aus, als wären sie ganz neu. Ihnen stehen noch viele Erfahrungen bevor. Unterschiedlichste, wie ich heute lernen musste. Sie können auch wehtun. Aber sie prägen uns auch für den Rest unseres Lebens. Ich trage nun eine Geschichte mit mir. Nicht nur die, deren Text in mir drinsteht, sondern eine, die nicht sichtbar ist.

Egal, wie sehr ich mich bemüht habe, einen Lesefluss kann ich anscheinend nicht erzwingen. Es ist eine subjektive Erfahrung. Ich wünsche mir einfach, dass ich mehr Leuten eine schöne Zeit bescheren kann, als eine, durch die sie sich durchquälen müssen. Zum Beispiel der Frau, deren Hand gerade nach mir greift. Was geht wohl in ihrem Kopf vor? Warum hat sie ausgerechnet mich ausgesucht? Was empfindet sie, während sie gerade durch meine Seiten blättert und den Anfang meiner Geschichte liest? Und damit beginne ich ein neues Leben in einem neuen Zuhause.
Im Umkehrschluss
Ein Buch lebt tausend Leben, bevor es stirbt. Ein Buch, das nie gelesen wird, lebt nur eins.
- https://ga.de/news/wissen-und-bildung/regional/bonn-forschung-ueber-aphantasie-das-fehlen-innerer-bilder_aid-63953685 ↩︎
Text: Julia Harder

