Das Beste an der guten alten Zeit ist, dass sie längst Vergangenheit ist.
Ernst Frestl
Erinnerungen als Zufluchtsort
Ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, wie ich in Erinnerungen schwelge, alte Andenken herauskrame und mich in ihnen verliere. Ausgelöst werden diese Momente oft von kleinen, nichtigen Gegenständen oder Gedankenströmen. Zugegeben, bin ich schon immer sehr sentimental gewesen, doch kürzlich erst kommt es immer häufiger vor, dass ich mich dabei erwische, wie ich mit den Gedanken abschweife, darüber nachdenke, wie die Zeit „früher“ war, immer nostalgischer werde.
Es scheint nicht nur mir so zu gehen, denn so gut wie jedes Mal, wenn ich meine Freund:innen aus der Schulzeit treffe, tauchen früher oder später Sätze auf wie „Weißt du noch damals, als …“ oder „Früher, als wir noch dies und jenes gemacht haben…“. Meist denke ich mir bei diesen Gesprächen nur „Stopp, so alt sind wir doch noch gar nicht!“, denn 24 ist nun wirklich noch kein Alter um über „Die guten alten Zeiten“ zu philosophieren. Und doch spüre ich ebenfalls den Sog, den Erinnerungen und die Vergangenheit auslösen können, ein Träumen von oftmals mutmaßlich leichteren Zeiten. Dass Menschen die Vergangenheit in ihren Erinnerungen meist idealisieren, ist natürlich. Insbesondere in vermeintlich schweren Zeiten scheinen Menschen immer wieder auf Vergangenes zurückzugreifen, ganz nach dem Motto „Altes bewährt sich“.
Nostalgie trifft mich manchmal schlagartig, kommt unerwartet angeschlichen und wird durch teilweise unscheinbare Auslöser hervorgerufen. Gerüche, Geräusche, jegliche Gegenstände, die Erinnerungen wachwerden lassen, beherbergen automatisch das Potenzial, mich in der Vergangenheit schwelgen zu lassen. Allein bereits der Gedanke daran, alte Fotos durchzublättern, an vertrauten Orten vorbeizulaufen, einen bestimmten Geruch aus der Kindheit nochmal zu riechen und die alten CDs, die mittlerweile im Regal verstauben, nochmals zu hören, stimmt mich Nostalgisch. Je älter ich werde, desto mehr achte ich darauf, eigentlich unnütze Dinge, wie die Eintrittskarte aus dem Kino oder die Quittung vom Restaurant im Urlaub aufzubewahren, da ich schon beim Sammeln weiß: irgendwann werde ich diese Gegenstände in einer meiner Aufbewahrungskisten finden und genau an diesen einen Moment zurückdenken.
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Die Wahrnehmung vom Zeitgefühl und der Vergangenheit scheint sich immer weiter zu verändern, je älter man wird. Die Vergangenheit rast wie ein unkontrollierbarer Sog aus Erinnerungen durch meine Gedanken und reißt dabei wie ein fließender Strom unaufhaltbar Emotionen mit sich. Die Gefühlswelt, die Nostalgie auslöst, ist facettenreich und oftmals bittersüß, sie reicht von Wehmut und Sehnsucht bis hin zu neuentdeckter Freude.
Retro als Trend
Immer wieder überrascht es mich, wie stark das Thema Nostalgie auf Social Media Plattformen vertreten ist. Interessant dabei ist vor allem, wie stark die neusten Trends, welche auf Instagram und TikTok sozusagen rasend schnell an uns vorbeiziehen, von der Vergangenheit inspiriert sind oder diese wieder aufgreifen. Vor ein paar Wochen sah ich zum ersten Mal einen Beitrag, der darum warb, die „2016-Ära“ wäre zurück. Ich konnte es kaum fassen. Der Snapchat-Hundefilter, übersaturierte Fotos, Unmengen an Foundation und die fürchterlichen Augenbrauen, für die ich mich noch jahrelang im Nachhinein geschämt habe, sollen wieder In sein? Selbst Kylie Jenner, für deren berühmte LipKits manche meiner Klassenkameradinnen damals über Leichen gegangen wären, versuchte einen Nostalgie-Comeback der Reihe zu starten.
Zum einen musste ich mich nach dem Entdecken dieses Trends damit befassen, dass das Jahr 2016, was sich für mich noch so nah anfühlte, bereits ein Jahrzehnt zurückliegt, zum anderen fand ich es faszinierend, wie sehr eine Zeitperiode romantisiert wurde, die für mein 14-jähriges Ich tatsächlich alles andere als glamourös und leicht war. Liegt das nur an meinem persönlichen Empfinden und dem Laster der Pubertät, oder lässt sich dieser Widerspruch darauf zurückführen, dass Nostalgie eine idealisierende, gar manipulierende Seite beherbergt, die uns einlullt und unsere Wahrnehmung beeinflusst? Neben bestimmten Zeitabschnitten wird auffällig oft, ironischerweise ebenfalls auf Social Media, das Leben vor dem Internet und KI stark romantisiert und regelrecht betrauert, meist auf Posts begleitet von melancholischer Musik und emotionalen Videoclips.
https://www.instagram.com/reel/DCWBmqmIU2U/?igsh=Mnpremx0cnJidTZn
Passend dazu erleben insbesondere analoge Gegenstände unerwartet einen Aufschwung an Beliebtheit, nachdem sie lange als zum Aussterben verurteilt galten. Vinyls, analoge Kameras und DIY-Projekte wie beispielsweise Stricken und Häkeln scheinen, gerade bei jungen Leuten, immer beliebter zu werden. Der Retro-Trend zeichnet sich schon seit längerem ab. Auch in der Mode, Design oder der Kunst ist das Alte plötzlich wieder brandaktuell. Filmstudios produzieren scheinbar wie am laufenden Band Remakes oder unerwartete Fortsetzungen von jahrealten Filmen und unter meinen neuen Spotify-Vorschlägen lassen sich immer öfter Lieder finden, die sich bereits verdächtig bekannt anhören.
Das Aufgreifen von vergangenen und bereits erfolgreichen Elementen ist in der Popkultur keinesfalls ein neues Phänomen, jedoch nehme ich diese immer stärker wahr und es scheint immer öfter ein nostalgischer Hintergrund für diese Entwicklung vorzuliegen. Fast so, als könne man sich durch Stars oder Hobbys zu einer Zeit zurückprojizieren, in der das Leben einfacher und schöner wirkte, auch wenn man diese vielleicht selbst gar nicht aktiv erlebt hat.
Die Instrumentalisierung der Vergangenheit
Politisch scheint Nostalgie ebenfalls eines der stärksten Instrumente derzeit darzustellen, wenn ich einen Blick auf die jüngsten Wahlumfragen riskiere. Die politische Entwicklung der vergangenen Jahre erklären sich Forscher:innen oft durch unstetige Zeiten und gesellschaftliche Umbrüche, welche oftmals die empfundene Nostalgie der Menschen steigert.[1] Die AfD in Deutschland, die MAGA-Bewegung in den USA und digitale Bewegungen wie die der Tradwives, oder der selbsternannten Alpha-Males beziehen sich in ihren Rhetoriken ständig auf vergangene Vorstellungen von Rollenbildern, Weltansichten und Gesellschaften. Wenn ich an diese Vorstellung von Nostalgie denke, kommen statt dem sonst so seligen Gefühl ganz andere Emotionen bei mir hoch. Doch die Instrumentalisierung nostalgischer Erinnerungen im politischen Sinne wirkt. Selbst Studien belegen, dass sich Menschen von Botschaften, die mit nostalgischen Rhetoriken versehen sind, einlullen lassen.[2]
Auch hier werden Zeiten in der Vergangenheit, oder sogar einzelne Personen heroisiert. Mir schießt sofort in den Kopf, wie oft ich schon Posts darüber gesehen habe, wie sehr sich Viele Angela Merkel als Kanzlerin zurückwünschen, oftmals insbesondere Personen, die mit der ehemaligen „Mutti“ Deutschlands politisch tatsächlich ziemlich wenig gemeinsam haben. In unsteten Zeiten birgt die Erinnerung an eine Figur, die an eine vermeintlich stabilere, einfachere Vergangenheit erinnert, Nostalgie, wobei negative Aspekte bereitwillig verdrängt werden.
Erinnern zwischen Sehnsucht und Realität
Nostalgie beherbergt so eine vielleicht eher unentdeckte, potenziell gefährliche Seite, die Menschen angreifbar und manipulierbar macht. Bedeutet das nun, dass Nostalgie statt dem bekannten warmen, sehnsüchtigen Gefühl Bedenken wecken sollte? Angst vor den eigenen Emotionen und Wahrnehmungen zu haben, war wohl noch nie der richtige Weg. Es würde allerdings wahrhaft nicht schaden, diese differenziert zu betrachten und sich zu überlegen, ob nun früher wirklich alles besser war. Nostalgie kann uns Dinge aufzeigen, die in unserem Alltag, welcher sich immer schneller und hektischer anfühlt, gelegentlich zu kurz kommen mögen. Geliebte Menschen, Orte, die man lange nicht gesehen hat, das frühere Lieblingsalbum oder das Hobby, an dem man sich das letzte Mal vor Jahren versucht hat, lösen nicht nur schöne Erinnerungen aus, sie können Vorfreude vermitteln und uns als Anker Halt in Krisen geben mit der Hoffnung, die schönen Aspekte des Lebens wieder genießen zu können. Natürlich ist es dennoch wichtig, sich von Vorstellungen der Vergangenheit nicht vollkommen mitreißen zu lassen. Die wichtigste Zeit bleibt das hier und jetzt. Der Fluss der Erinnerungen sollte uns nicht umreißen.
Text: Paula Otten
[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/nostalgie-als-politisches-instrument-100.html
[2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/nostalgie-als-politisches-instrument-100.html

