von Alena K.

Am Anfang war das Wasser

Ich liebe es das Meer zu beobachten, die Wellen beruhigen mich. Mein Kopf gleicht allerdings meistens eher einem reißenden Fluss, doch wenn ich so darüber nachdenke, beruhigt mich auch der Anblick eines reißenden Flusses. Eigentlich sollte der Anblick wohl Unruhe in mir auslösen, aber wahrscheinlich sind es die white noises, die meine Gedanken ordnen. Ob ich hineinspringen sollte? Verlockend, aber leichtsinnig. Wenn man einmal in so einem reißenden Fluss gelandet ist, kommt man da gar nicht so leicht raus. Ich bin nicht der Typ mit dem Flow zu gehen, ich mag es die Kontrolle zu haben, zumindest über mich, denn irgendwie ist das zurzeit das Einzige, woran ich mich festhalten kann. Aber no risk no fun, oder? Vielleicht sollte ich mich irgendwann mal daran probieren mit dem Flow zu gehen. Was auch immer das bedeuten mag.

Going with the Flow

Just wing it, sagen die Engländer. Wenn jemand sagt „geh mit dem Flow“ meint er meistens, lass es auf dich zukommen. Das ist mir schon immer schwergefallen. Manchmal geht es wohl nicht anders, man kann nicht alles immer kontrollieren. Aber dem Leben gleichgültig gegenüberzustehen kanns auch nicht sein.

Timothy Chalamet sagt: „life is coming from you, not at you” – weise Worte. Da ist auf jeden Fall was dran.

Going with the flow kann also nicht bedeuten, sich dem Leben einfach hinzugeben und alle Kontrolle abzugeben. Für ein bisschen sind wir selbst verantwortlich.

Ganz egal, was vom Himmel fällt
Ganz egal, ob die Liebe hält
Ganz egal, was der Morgen bringt
Ganz egal
I don‘t mind
Heute ist es schön
Ja, heute ist ein guter Tag
Alles ist im Fluss
Ja, alles fließt den Fluss hinab


(Buntspecht – Im Fluss)

Vielleicht bedeutet mit dem Flow zu gehen auch im Einklang mit sich selbst zu sein und Dinge so anzunehmen, wie sie kommen. Ein schöner Gedanke. Leichter gesagt als getan.

Wir sind umgeben von Krisen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, ob nun persönlich oder politisch – im Moment scheint alles auf einmal zu kommen. Vielleicht versuche ich deswegen mich so an die Kontrolle, die ich habe zu klammern. Was ich esse, wen ich wähle, welche Bücher ich lese oder welchen Influencern ich folge, das kann ich kontrollieren, aber da endet es auch schon.

Eigentlich sehne ich mich nach Freiheit. Nach Meer. Das Meer ist so offen im Vergleich zu einem Fluss, scheint mir aber noch gefährlicher zu sein, denn der Fluss bringt mich zumindest irgendwo hin, oder? Ja, er würde mich zum Meer bringen, denn Flüsse enden im Meer. Allerdings gibt es einen Fluss im Süden Afrikas, der einfach verpufft, der Okavango Fluss.

Wie lebt es sich eigentlich so als Baum?  

Heraklit sagt alles fließt – panta rhei (πάντα ῥεῖ) – die Einzige Konstante im Leben sei Veränderung. Man steige nicht zweimal in denselben Fluss. Warum tun wir uns dann so schwer mit Veränderung. Ich meine, oft sehnen wir sie herbei, aber doch auch irgendwie nicht. Wenn ich erstmal meinen Abschluss habe… wenn ich erstmal mein eigenes Haus habe… wenn ich erstmal… irgendwas kommt immer, so richtig angekommen ist man eigentlich nie. Rückblickend trauert man dann immer den Zeiten hinterher, in denen man noch auf alles hingearbeitet hat. 

So ein Baum macht sich keine Gedanken darüber, ob er nun Veränderung will oder nicht. Und er trauert auch nichts hinterher, denke ich. Im Laufe der Jahreszeiten verändert er sich zwangsläufig, es gehört zu seinem Lebenszyklus. Im Endeffekt ist er immer derselbe Baum, der Wandel gehört zu ihm.

Ich bin nicht dieselbe Person, die ich vor zehn Jahren war und werde in zehn Jahren auch nicht dieselbe Person sein, die ich heute bin. Damit bin ich okay, nur mit plötzlicher Veränderung konfrontiert verspüre ich oft Unbehagen. Aber wenn ich so zurückblicke, war Veränderung oft gut und ich kam mit ihr besser klar als gedacht. Ich habe vieles erreicht, was ich erreichen wollte, und hatte immer ein Ziel vor Augen. Jetzt habe ich zum ersten Mal kein Ziel, keinen konkreten next step. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich mich damit jetzt fühlen soll.

Anders als der Baum können wir selbst wählen, welchen Weg wir einschlagen und ihn zur Not auch nochmal ändern. Wir sind der Veränderung nicht ausgesetzt. Wir können nicht verhindern, dass sie passiert, aber wir können sie wohl formen. Dinge kontrollieren zu wollen oder vielmehr zu können ist also nicht per se schlecht.

Freiheit, im Sinne von innerem Frieden, bedeutet nicht, dass man nichts mehr kontrolliert, sondern, dass man Kontrolle loslassen kann.

Das Leben als Fluss

Das Leben ist also wie ein Fluss. Irgendwann ist es passiert und schwupps sind wir in diesem reißenden Fluss gelandet und werden mitgerissen. So richtig entscheiden wo’s lang geht können wir lange Zeit nicht. Es fühlt sich so an, als würde der Fluss immer schneller und schneller fließen und uns mitreißen ohne, dass wir das so richtig wollen. Wir treffen eine Entscheidung nach der anderen und es geht immer weiter. Manchmal sind da auch Steine im Weg. Oder Algen. Aber es geht weiter. Es kann sein, dass man lange Zeit gar nicht merkt, was da einem nun den Weg versperrt. Es gibt Momente im Leben, an denen man aktiv innehalten muss, damit der Fluss ruhig fließt und uns trägt, und nicht in Richtungen reißt, in die wir gar nicht wollen.

Innehalten.

Das ist ganz schön schwer. Alles um uns herum ist fast-paced und optimiert auf Effizienz. Eigentlich befinden wir uns permanent in einem Schockzustand. Überwältigt von Möglichkeiten, To Do’s und Dingen, die wir unbedingt noch brauchen, wissen wir gar nicht mehr wohin.  

Wenn wir uns dessen aber bewusstwerden, haben wir die Möglichkeit unser Leben gezielt langsamer zu gestalten, indem wir innehalten.

They say time flies when you’re having fun…

„Yesterday is history,
tomorrow is a mystery,
and today is a gift,
that’s why they call it
the Present”

(Kung Fu Panda, 2008)

Cheesy, aber wahr. Going with the Flow bedeutet eigentlich nichts anderes als im Moment zu leben. Das ist gar nicht immer so einfach. Aber vielleicht ist es auch einfach Übung. Etwa wie beim Meditieren. Es dauert ewig, bis man die Wolken endlich ziehen lassen kann und es ist unvermeidbar, dass man sich doch an einer festhält, aber irgendwann klappt es. Es wird immer irgendwas geben, was unseren Flow unterbricht. Der Flow-Zustand muss auch kein absoluter Zustand sein. Es macht Spaß, wenn man im Flow ist, bei der Arbeit, bei einem Projekt, das einem am Herzen liegt oder wenn man ein Buch liest. Die Zeit vergeht, wie im Flug und man vergisst alles um sich herum. Dass der Flow auch mal unterbrochen wird ist unvermeidbar und gar nicht schlimm, er wird schon irgendwann weiterfließen.

Das offene Meer?

Wir streben immer das nächste Ziel an. Immer höher, schneller weiter. So richtig zufrieden sind wir nie, denn es gilt immer was Neues zu erreichen. Immer darauf zu warten, dass man endlich angekommen ist, ist anstrengend. Dabei kann der Weg genauso schön sein, man muss sich nur darauf einlassen.

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Eins noch: Das Meer kann nicht das Ziel sein, weil das Meer das Ende ist. Der Weg ist also das Ziel, so kitschig das auch klingen mag. Also keine Panik – manchmal ist es schön, mal kein Ziel vor Augen zu haben und sich treiben zu lassen und zu schauen, wohin der Fluss einen als nächstes trägt.

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