Ein regnerischer Tag. Heute entscheide ich mich dazu, mal das Auto zur Arbeit zu nehmen. Die alte Klapperkiste ist in meinem Missfallen nicht in der Lage, meine Lieblingsmusik über Spotify abzuspielen. Da bleibt mir nur die Möglichkeit, das Radio einzuschalten. “Warte mal, den Song kenne ich doch irgendwoher, der ist doch eigentlich von Shakira…” Dass jetzt die Version von Ava Max bekannter als das Original ist, erscheint mir irgendwie unglaubwürdig. Aber irgendeinen Grund muss es ja geben, warum dieser Song gerade im Radio läuft. Scheinbar erfreut er sich großer Beliebtheit, obwohl es sich hier offensichtlich um ein Sample handelt. Aber ist das überhaupt fair gegenüber der Künstlerin, die deutlich mehr kreative Arbeit in das originale Werk investiert hat?

Was wir Sampling nennen

Dass Samples keine neuen Erscheinungen sind, scheint klar: Schon in den frühen 90ern wurden sie in Hip-Hop und elektronischer Musik eingesetzt. Kurz heruntergebrochen sind sie kleine Ausschnitte von bereits existierenden Songs. Diese Schnipsel werden anschließend idealerweise in einen neuen musikalischen Kontext gesetzt. Typische Elemente, die aus Songs entnommen werden, können Schlagzeugbeats, Melodien oder kurze Soundeffekte sein. Während heutzutage überwiegend digital gesampled wird, wurden in den Anfängen sogenannte Sampler genutzt. Aufgenommene Töne können auf verschiedene Tasten gelegt und neu kombiniert werden.

Mellotron

Als analoge Urform des Samplers gilt das Mellotron, das bereits beispielsweise in Strawberry Fields Forever verwendet wurde – streng genommen haben sich also schon die Beatles der Samples bedient.

Doch wo zieht man die Grenze, was als Sampling bezeichnet wird und was nicht? Denn nach dieser Logik müssten beispielsweise auch Keyboard- und digitale Amp-Presets als Samples gelten. Das Ganze ist eine äußerst komplexe Thematik, die auch zahlreiche Rechtsstreitigkeiten mit sich gezogen hat. Als wohl prominentester Fall in Deutschland gilt die Auseinandersetzung zwischen Kraftwerk und Moses Pelham. Letztgenannter bediente sich einer kurzen Sequenz aus Metall auf Metall, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Der Prozess endete zugunsten von Pelham aufgrund der damals bestehenden Rechtslage. Dennoch ist bis heute nicht ganz geklärt, anhand welcher Parameter sich Sampling definiert. 

Als aus alten Songs neue Ideen entstanden

Egal ob es nun als solches bezeichnet wird oder nicht – vielleicht zeigt sich gerade im Samplen die Chance, Musik neu zu denken und kreativ weiterzuentwickeln: Der frühe Hip-Hop schien eine enge Beziehung zum Disco-Funk zu pflegen. Allein Good Times von CHIC taucht in über 200 verschiedenen Songs auf. Der wohl bekannteste dieser riesigen Anzahl an Titeln ist Rapper’s Delight von The Sugarhill Gang. Mithilfe der unverkennbaren Bassline gaben sie den Startschuss für ein revolutionäres Musikgenre. Besonders die Fusion aus groovigen Rhythmen und Sprechgesang sind zentrale Komponenten des frühen Hip-Hops. Auch in weiteren Produktionen finden sich immer wieder Funk-Elemente, wirklich erkennen kann man den Bezug meist nicht. Erst mit einem detaillierten Blick fällt auf, dass kleinste Schnipsel oder Drumbeats übernommen wurden. Wie bei einem Puzzle, dessen Teile aus ihrer ursprünglichen Ordnung gelöst und bewusst anders zusammengesetzt werden, entsteht beim Sampling ein neues Bild: Vertraute Formen blitzen auf, sie wirken jedoch verschoben und in einen anderen Zusammenhang gestellt. Das Ursprüngliche bleibt zwar noch erkennbar, doch fügt es sich zu etwas Neuem, das eine individuelle Gestalt annimmt.

Daft Punk bediente sich in Harder, Better, Faster, Stronger dem Beat von Edwin Birdsongs Cola Bottle Baby. Zwar ist der Daft Punk-Song getragen durch eine andere Tonlage und Geschwindigkeit, zugefügte Effekte und die charakteristischen Roboterstimmen; der ursprüngliche Beat bleibt dennoch erkennbar.

Des Weiteren greift Kanye West in Stronger jene Roboterstimmen auf und ordnet sie neu, aus denen eine eigenständige Melodie als zentrales Motiv hervorgeht. In der neuen Verwendung löst es sich aus seinem Kontext und findet seinen Platz in einem anderen Genre. Dadurch geht dieses Sample gewissermaßen von einem musikalischen Umfeld in ein anderes über.

Im letzten Schritt dieser Kette wird letztgenannter Beat in dem KI-generierten Lied Whopper, Whopper, Whopper, Whopper aufgegriffen, das klanglich eng an das „Original“ angelehnt ist. Neu ist dabei vor allem seine Funktion: Es wird in diesem Fall gezielt zu Werbezwecken eingesetzt.

Diese gesamte Entwicklung geht jedoch nicht ohne einen deutlichen Schatten einher: Edwin Birdsong, auf dessen Werk all dies basiert, bleibt weitgehend unbekannt. Obwohl aus seinem Material gleich zwei Welthits hervorgegangen sind, erfährt er weder nennenswerte Aufmerksamkeit noch angemessene Würdigung. Es zeigt sich ein kaum zu übersehendes Ungleichgewicht, zumal es sein Schaffen war, das diesen Erfolg überhaupt erst ermöglichen konnte.

Der eigene Klang im Echo anderer

Als Musiker bin ich diesem Thema vielleicht zu kritisch eingestellt. In einer Band, die versucht, einen originellen Sound zu entwickeln und sich musikalisch von anderen abzusetzen, stellt genau das oftmals eine große Herausforderung dar. Besonders im Prozess des Songwritings kommen immer wieder Diskussionen auf: Ein Schnipsel im neuen Song kommt einigen Bandmitgliedern bekannt vor, sei es die Melodie oder eine bestimmte Harmoniestruktur. Von der anderen Seite heißt es, es gebe gewisse Unterschiede im Vergleich zum Original. Im Musikerhirn scheinen solche Einflüsse ein Automatismus zu sein, der sich nicht komplett abstellen lässt.

Dazu kommt, dass ich als Keyboarder von elektronischen Presets abhängig bin. Der ein oder andere Sound ist bestimmt schonmal im ein oder anderen bekannteren Lied aufgetaucht. Hätte ich bessere Kenntnisse im Bereich Synthesizer, könnte man dem sicherlich entgegenwirken. Aber um fair zu sein: Ich bin zugegebenermaßen äußerst angetan von solchen Presets, da sie mit einem technischen und musikalischen Wissen produziert wurden, das ich vielleicht niemals haben werde. Auch ich selbst habe schon einige Passagen geschrieben, die stark an einen gewissen Stil angelehnt sind. Ich glaube, das Stichwort “Inspiration” steht hier ganz im Mittelpunkt. Es ist nicht der Versuch, stumpf zu replizieren, sondern eher eine Hommage an den/die Künstler:in, verbunden mit großer Wertschätzung. Daraus entsteht ein neuer Sound, der sich aus der Kombination von eigener Kreativität und einer künstlerischen Würdigung ergibt. 

Noch immer vertraut

Genau diesen Gedanken könnte man auch auf meine Bewertung von gesampelter Musik übertragen. Persönlich lege ich großen Wert auf eine kreative Auseinandersetzung mit dem Original. Entsteht dadurch etwas Neues, das einen Song um eine persönliche künstlerische Note ergänzt, empfinde ich ein Sample als gelungen. Sind gewisse Songs bloße Kopien mit dem einzigen Zweck, aus einer bekannten Melodie Profit zu schlagen, überzeugt mich das weniger. Natürlich könnte man argumentieren, dass nicht jeder Song passend für jede Gelegenheit ist. So muss ich zugeben, dass beispielsweise You Spin Me Right Round nicht unbedingt ein Lied ist, das im Club zeitgemäß ist. Die Version von Flo Rida hingegen erscheint mir in gewisser Weise wesentlich zweckmäßiger als das Original.

Vielleicht ist Musik doch nicht so zeitlos wie angenommen und erlangt nur durch einen bestimmten Genrekontext ihre Aufmerksamkeit. Bezüglich dieses Themas scheine ich jemand zu sein, der gerne an der Vergangenheit festhält und neuen Entwicklungen tendenziell kritisch gegenübersteht. Und vielleicht erklärt genau das meine Skepsis gegenüber Samples. Gleichzeitig lässt sich jedoch nicht übersehen, dass gerade auch darin ein besonderer Reiz liegt: Die Verwendung von vertrauten Sounds kann Erinnerungen wecken und ein Gefühl der Nostalgie hervorrufen. Gleichwohl werde ich beim Hören gesampelter Song wahrscheinlich nie dieses gewisse Unbehagen ganz abschütteln können. Immer wieder signalisiert mir mein Verstand, dass hier etwas übernommen wurde, das eigentlich jemand anderem gehört. Der Erfolg dieses Samples basiert maßgeblich auf den musikalischen Fähigkeiten anderer Künstler:innen. So wirkt es auf mich, als würde dem Original ein Stück seiner Integrität entzogen werden.  

von Philipp Vogt