Lesen war für mich nie einfach nur Lesen. Es fühlte sich schon immer an, als würde ich etwas durchqueren. Zuerst spüre ich diesen gewissen Widerstand in mir. Die Seite kommt mir zu flach, zu still, und zu unbeeindruckend vor. Ich kann einfach nicht in den Roman hineintreten. Meine Gedanken sind lauter als die Sätze. Immer wieder lese ich den gleichen Absatz und merke, dass ich ihn gar nicht richtig gelesen habe. Ich bin dann immer total frustiert, weil ich mich eigentlich den ganzen Tag darauf gefreut hatte am Abend Me-Time mit meinem Buch zu haben. Ich hatte ja sogar extra das Buch bestellt, nachdem ich es in einer meiner TikTok Doomscrolling Momente von einer Booktokerin empfohlen bekommen hab, und war doch so begeistert davon. Also versuche ich erneut in den Flow State zu kommen, mache mir meinen Lieblingstee und noch ein Spaßgetränk, zünde ein paar Teelichter an und lege mich nochmal gemütlicher in mein Bett. Ich versuche es erneut. Ich muss zugeben, eine Weile fühlt es sich wie Arbeit an. Und dann verändert sich etwas.Nur ein wenig, nur ein kleines bisschen. Plötzlich verbinden sich die Wörter nun mühelos und meine Augen hören auf konzentriert de Sätze zu entschlüsseln und beginnen zu wandern. Endlich nehme ich das Umblättern der Seiten nicht mehr wahr. Ich bin zwar noch in meinem Schlafzimmer, aber der Raum hat jede Bedeutung verloren, ich bin woanders. Und ich achte nicht einmal mehr darauf, wie weit ich gekommen bin, wieviele Seite ich geschafft habe. Ich bin in der Geschichte, in ihrer Seele, in meinem Kopf. Dieser Moment bedeutet mir so viel., denn in diesem Moment optimiere ich mich nicht, präsentiere mich nicht und reagiere nicht. Ich aktualisiere nicht meinen Feed. Ich warte nicht auf das Ping einer Nachricht. Ich vergleiche mich mit niemandem. Lesen wird zu einem Strom, der mich trägt, und ausnahmsweise muss ich nicht steuern. Ich bin im Reading Flow State.
Was mich am Lesen so fasziniert, ist genau dieses Paradox. Ich weiß nicht einmal ob es ein universelles Paradox ist, oder nur mein persönliches. Aber Lesen erfordert Anstrengung für mich, bevor es mich in den Flow bringt. Meistens fällt es mir nicht von Anfang an leicht, und deswegen dachte ich früher immer Bücher seien nichts für mich. Bücher seien langweilig. Kaum vorstellbar jetzt für mich. Trotzdem, ich muss immernoch lange genug dranbleiben, damit sich der Text für mich öffnet. Immer muss ich meinem Reflex widerstehen, mich durch mein Handy ablenken zu lassen, denn das ist einfacher und wir Menschen sind doch irgendwie faul. Und wenn ich es dann endlich schaffe, werde ich mit völliger Harmonie und Ruhe belohnt. Ich habe das Gefühl mein Geist löst und weitet sich gleichzeitig von der Welt. Lesen bringt meine innere Stimme dazu sich zu verändern. Ich glaube das erleben Viele. Was ich damit meine, ist ich beginne in ungewohnten Rhythmen zu denken. Also ich leihe mir sozusagen eine andere, fremde Struktur für meine Gedanken. Meine Welt ordnet sich nach einer anderen Logik neu, die der Figuren, die der Handlung. Ich merke das erst garnicht so richtig, aber es wirkt nach, selbst nachdem ich das Buch zuende gelesen habe. Ich trage die Sätze und Gedanken und Gefühle, die ich währenddessen gespürt habe mit mir und beginne, Dinge anders wahrzunehmen. Die Welt verändert sich in der Perspektive. Das ist etwas, was nur Literatur für mich schafft. Lesen bedeutet mir so viel, weil es beweist, dass Tiefe auch in unserer schnelllebigen Welt immernoch möglich ist. Dass ich trotz der digitalen Handy-Welt meine Aufmerksamkeit doch noch greifen kann, und mein Geist sich abschalten kann. Deswegen ärgert es mich umso mehr, wenn ich mich doch irgendwann wieder aus dem Lesefluss schmeißen lasse, weil mein Handy aufleuchtet oder mich ein Geräusch schließlich wieder neugierig macht. Ab vom Lesefluss in den Doomscrolling-Fluss.

Doom-Scrolling Falle
Immer wieder merke ich wie externe instant gratifications meine Fähigkeit zu lesen zerstört. Mein Gehirn ist fauler denn geworden seitdem ich durch TikTok immer, überall instant entertainment erleben kann. Ich muss direkt Entwicklung sehen, sonst ist es für mich Zeitverschwendung. Tja, so läuft das mit dem Lesen aber nicht, und der Reiz des Lesens liegt auch ganz woanders. Lesen braucht Geduld und Lesen braucht Zeit, denn die Figuren zu formen oder die Handlung spannend zu machen braucht nun mal ein paar Seiten. Ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die vom Internet erschöpft ist. Es gibt so viele Inhalte, die einem das Gefühl geben sollen, das man im Leben hinterherhängt oder einen in die Falle des ewigen Scrollens locken wollen. Viele extreme Meinungen und aggressiver Lärm laugen mich aus. Jetzt, mit etwas Abstand, sehe ich, dass ich nicht mehr, sondern weniger Inhalte konsumieren muss, denn auch die gutgemeinten Videos sind am Ende Content. Ich weiß ich müsste wählerischer sein und mich auf Dinge konzentrieren, die mir Sinn und Inspiration geben, denn Vieles von dem, was ich konsumiere, ist nur Eskapismus und Prokrastination. Je mehr ich unbewusst Social Media konsumiere, desto weniger fühle ich mich inspiriert. Eigentlich weiß ich, dass ich meine Geduld und meine Kreativität nicht verloren hab, denn wann immer ich mir vornehme mein Handy wegzulegen und mit mir zu existieren, sprudelt es vor Ideen und Motivation aus mir. Sie brauchten nur weniger Lärm und mehr Raum, um sich zu entfalten. Ich weiß das alles schon, irgendwie. Aber dann fängt es an. Ich denke mir es ist produktiv und ich setze mich doch aktiv mit meinen Interessen und Literatur auseinander, wenn ich mir Content über Bücher und deren Neuheiten anschaue. Aber ist es das? Oder ist das wieder eine Form von Prokrastination, nur schöner verpackt? Es ist nicht verwerflich, ganz im Gegenteil, es ist erfüllend Booktoker oder Buch-YouTuber anzuschauen. Ich habe auf diese Art schon wunderbare Autoren und Romane gefunden. Aber ein Ersatz für das eigentliche Lesen sollte es nicht sein, eher ein Add-on.
Raus aus der Falle, rein in das Buch
Wu Wei ist ein Konzept der taoistischen Philosophie, einer alten chinesischen Weltsicht. Ich bin durch meine Nachbarin, eine ältere etwas exzentrische Dame, die nach vieler solcher Ideen lebt, zum ersten Mal mit dem Taoismus in Berührung gekommen. Wu Wei bedeutet wortwörtlich „Nicht-Tun“, aber es geht nicht darum, nichts zu tun, sondern vielmehr darum, Dinge nicht zu erzwingen, die noch nicht bereit sind. Man kann sich das ähnlich wie einen Fluss vorstellen. Natürlich stößt der Fluss auf Hindernisse wie Steine oder umgestürzte Bäume, aber anstatt gegen sie anzukämpfen, sucht er sich einen Weg um sie herum, er passt sich an. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, zu wissen, wann man etwas vorantreiben und wann man es atmen lassen sollte, sich nicht zu Gefühlen zu zwingen, die man nicht empfindet, oder aus Ruhe und Klarheit heraus zu handeln, anstatt aus Angst oder Egoismus. Es gibt einen Unterschied zwischen Anstrengung und Zwang. Handeln ist demnach natürlich wichtig, aber man soll darauf vertrauen, dass das, was für dich bestimmt ist, dich nicht verpassen wird. Aber was hat das nun mit meinem Lesefluss zutun? Wu Wei hilft zu verstehen, dass der Lesefluss sich nicht erzwingen lässt, nein. Ganz im Gegenteil, je mehr man versucht sich zu konzentrieren, desto weniger klappt es. Erst wenn man aufhört, es zu erzwingen, setzt der Fluss ein und passt sich an. Man muss nicht jeden Seite des Buchs „perfekt“ lesen, man muss nicht alles verstehen, man muss nicht einmal im Lesefluss starten, denn der Lesefluss wird einen finden, auch wenn nicht sofort. Wu Wei zeigt, dass wir uns keinen Druck beim Leseprozess machen sollen, kein Selbstmonitoring, kein „Bin ich produktiv?“, kein Vergleich, denn das nimmt doch genau die Lust am Lesen und macht es zu einem weiteren To-Do. Dadurch verlieren wir die Ruhe, die Lesen uns von der stressigen Realität des Alltags eigentlich gibt. Das Handy ist das Gegenteil von Wu Wei, quasi das Anti-Wu-Wei. Es zwingt Aufmerksamkeit. Es unterbricht den Flow. Während Wu Wei sagt „Komm zur Ruhe und vertraue“, sagt unser Handy „Reagiere. Jetzt. Los.“. Anstatt Steine im Fluss haben wir nun Benachrichtigungen und extern ausgelöste Gedanken. Entscheidend ist hier, dass der Fluss nicht dagegen ankämpft. Vielleicht geht es beim Lesen nicht darum, Ablenkung zu bekämpfen, sondern sie zu umfließen und nicht jedem Impuls zu folgen, sondern sich selbst zu folgen. Vielleicht kehrt dann die Aufmerksamkeit zurück. Vielleicht wird dann aus Zwang, „Ich muss jetzt konzentriert sein“ und „Ich darf nicht abgelenkt sein“, Anstrengung und angenehmes dranbleiben. Der Fluss hält nicht an, wenn er auf einen Stein trifft, noch versucht er, sich hindurchzuzwingen. Er sucht sich einfach einen anderen Weg.
Sei mit jedem noch so kleinen Fortschritt zufrieden und betrachte das Ergebnis als nebensächlich –Marcus Aurelius
Die Stoiker verwenden die Metapher des Bogenschützen, um dies zu veranschaulichen. Ein Bogenschütze kann sein Zielen, seine Handruhe und sein Training kontrollieren, aber sobald der Pfeil den Bogen verlässt, liegt das Ergebnis nicht mehr vollständig in seiner Hand. Wind, Bewegung, Zufall, Dinge, die er nicht beeinflussen kann, lenken sein Ziel ab. Die meisten von uns, ich auch, beurteilen sich anhand ihres Ziels und messen unseren Erfolg daran, wo der Pfeil landet, obwohl das garnicht vollständig in unserer Kontrolle liegt, anstatt daran, wie gut wir gezielt haben. Die Stoiker glauben, dass das Treffen des Ziels ein wünschenswertes Ergebnis ist, es ist etwas, worauf man hinarbeitet, aber es bestimmt nicht, ob man gut gehandelt hat. Deine Verantwortung liegt in der Qualität des Versuchs, den Schuss so gut wie möglich zu zielen und den Prozess des Lernens und Verbesserns wertzuschätzen. Wenn man sich auf den Schuss statt auf das Ziel konzentriert, wird das gesamte Erlebnis viel erfüllender, und meistens landen die Pfeile dann ohnehin näher am Ziel. Was ich damit sagen möchte ist, ist es nicht genug zu versuchen eine gute Leserin zu sein? Ist die Intention, das Vorhaben, sich aktiv hinzusetzen und sich mit seinem Buch auseinanderzusetzen nicht schon der halbe Weg? Etwas mit dem man zufrieden sein kann? Und macht uns diese Akzeptanz nicht eigentlich produktiver in unserem Wunsch?
Emilia D.

