
Die Aufmerksamkeit für Frauenfußball in Deutschland gleicht einem ausgetrockneten Flussbett, höchstens einem kleinen Rinnsal. Man muss sich aktiv für diesen Sport interessieren und sich informieren. Anders als bei den Männern begegnen einem die Schlagzeilen nicht auf Titelseiten, in sozialen Netzwerken oder den Nachrichten. Doch dann kam die UEFA Frauen Europameisterschaft 2025 …
St. Gallen
Es ist das erste Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft in diesem Turnier. Die Spielerinnen betreten das Spielfeld, das Stadion ist erfüllt von Jubeln und Klatschen, das Publikum lässt die Tribüne beben. 8,22 Millionen Deutsche sitzen vor den Fernsehern, 15.972 Fans sind vor Ort dabei.
Das Auftaktspiel gegen Polen wirkt zunächst unspektakulär. Eher ein vorsichtiges Abtasten, ein erstes Sich-Einfinden. Doch dann in der 40. Minute der Schock. Nach einer heldinnenhaften Sicherung des eigenen Strafraums, muss die Kapitänin Giulia Gwinn verletzt den Platz verlassen. Der erste Verdacht: Kreuzbandriss. Doch die Deutschen lassen die Köpfe nicht hängen. Im Gegenteil: für ihre Kapitänin machen sie weiter und kämpfen. In der 52. Minute trifft Jule Brand zum 1:0. Kurz drauf in der 66. Minute verwandelt Lea Schüller, Brands Vorlage zum 2:0 und damit zum Endstand der Partie.
Dieses erste Spiel markiert einen Anfang. Es zeigt keine fertige Mannschaft, sondern eine, die sich formiert. Und die Fans stehen geschlossen hinter der Mannschaft. Online regnet es Genesungswünsche für Gwinn, Glückwünsche zum Sieg und Motivationen fürs weitere Turnier.
Basel
Die Spielerinnen betreten das Spielfeld in Basel, das Flutlicht erhellt den Rasen. Die Tribünen sind gefüllt, Fahnen wehen, das Stadion vibriert. Über 34.128 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen das Spiel vor Ort, mehr als 10 Millionen Deutsche haben den Fernseher eingeschaltet. Es ist das Viertelfinale der Europameisterschaft 2025. Deutschland trifft auf Frankreich, eine Partie mit Gewicht. Eine Niederlage bedeutet das direkte Aus.
Mit dem Anpfiff beginnt kein vorsichtiges Abtasten. Das Spiel ist von Beginn an aufgeladen. Frankreich sucht sofort den direkten Weg nach vorne, Deutschland versucht, Struktur zu finden. Doch bereits früh kippt die Statik der Begegnung. In der 13. Minute dann ein Zweikampf mit spielentscheidenden Folgen: Kathy Hendrichs wird mit Rot vom Platz geschickt, den darauffolgenden Strafstoß verwandelt Frankreich. Deutschland liegt zurück und ist in Unterzahl. Die Ausgangslage ist denkbar schwierig. Doch anstatt auseinanderzufallen, rücken die deutschen Spielerinnen enger zusammen. Der erlösende Ausgleich fällt bereits in der 12 Minuten später. Das Spiel bleibt intensiv. Frankreich drückt, sucht die Entscheidung. Deutschland verteidigt mit hohem Einsatz.
In der zweiten Halbzeit verdichtet sich das Geschehen weiter. Frankreich erhöht den Druck, kombiniert sich mehrfach gefährlich in den Strafraum. Als letzten Ausweg der Verteidigung sieht sich Janina Minge in der Pflicht den Ball wegzuköpfen. Dieser fliegt allerdings in Richtung des eigenen Tors. Torhüterin Ann-Katrin Berger reagiert instinktiv. Sie springt ab, fliegt dem Ball entgegen. Streckt die Hand aus, macht sich so lang sie kann und klärt scheinbar in Zeitlupe im Rückwärtslaufen den Ball im letzten Moment auf der Linie. „Berger!!! Wooooaaaarrrrh! Was für ein Teufelsweib heute“, kommentiert Claudia Neumann diese Aktion. Eine märchenhafte Parade, die das Spiel offenhält. Kollektives Aufatmen unter den Fans, sowie bei den Spielerinnen. Und es wird nicht Bergers letzte Heldinnentat für dieses Spiel sein.
Die reguläre Spielzeit endet unentschieden. In der Verlängerung wird das Spiel physischer. Die Unterzahl zehrt an den Kräften. Aber eine Entscheidung fällt immer noch nicht und es kommt zum Elfmeterschießen. Deutschland liegt nach sieben Schüssen in Führung. Dann tritt Frankreichs Alice Sombath zum Schuss an. Sollte sie den verschießen steht Deutschland im Halbfinale. Im Stadion und vor den Fernsehern wird es ruhig. Alle voller Spannung und Erwartung was in den nächsten Sekunden passiert. Die deutschen Spielerinnen stehen dicht beieinander, halten aneinander fest. Im Geiste stehen sie Seite an Seite mit ihrer Teamkollegin im Tor. Sombath läuft an, schießt, und Berger…HÄLT! Dann brechen alle Dämme. Ob zu Hause, im Stadion oder auf dem Feld alle fallen sich in die Arme, jubeln und feiern. Berger breitet die Arme aus und lässt sich auf die Knie fallen. Lässt die Welle der Freude und des Jubels über sich hereinbrechen. Ihre Kolleginnen fallen ihr in die Arme und begraben sie unter sich. 6:5 nach Elfmeterschießen, Deutschland steht im Halbfinale. Alle Hemmungen fallen.
Ein Spiel das Geschichte schreiben wird. Die Bilder von Bergers Parade(n) gehen um die Welt. In sozialen Netzwerken wird über die Parade, die Unterzahl, die Nervenstärke diskutiert. Mit jedem Spiel wächst die Aufmerksamkeit. Einschaltquoten steigen, Social-Media-Clips verbreiten sich schneller. Aus dem kleinen Strom wird langsam eine Strömung.

Zürich
Die Spielerinnen betreten den Platz zum Halbfinale gegen Spanien. Das Stadion ist ausverkauft, wieder liegt Spannung in der Luft. Die Gegnerinnen sind niemand geringeres als die aktuellen Weltmeisterinnen. Respekt ist da, die deutsche Mannschaft wirkt fokussiert. 22.432 euphorische Fans haben in Erinnerung an das spektakuläre Viertelfinale den Weg ins Stadion und 14,26 Millionen vor den Fernseher gefunden. Sie haben nun auch eine gewisse Erwartungshaltung. Der Traum vom Finale ist greifbar.
Anpfiff. Spanien übernimmt den Ball, kontrolliert das Tempo, lässt ihn durch die eigenen Reihen zirkulieren. Deutschland zieht sich nicht zurück, sondern verschiebt diszipliniert, versucht die Passwege ins Zentrum zu schließen. Die erste Halbzeit bleibt torlos. Gelegentlich setzen die Deutschen Nadelstiche über die Flügel, suchen Tiefe, doch der Abschluss fehlt. Man spürt die Belastung der vergangenen Tage. Beide Teams wissen: Ein Fehler könnte entscheiden.
Die reguläre Spielzeit endet 0:0. Wieder geht’s in die Verlängerung. Die Kräfte schwinden sichtbar, die Wege werden länger, die Beine schwerer. Spanien bleibt ruhig, sucht geduldig die Lücke. In der 113. Minute fällt schließlich das Tor auf spanischer Seite. Deutschland versucht zu reagieren, wirft in den letzten Minuten noch einmal alles nach vorne. Hohe Bälle, letzte Zweikämpfe, hektische Abschlüsse. Doch der Ausgleich gelingt nicht. Mit dem Schlusspfiff endet die Reise. Die deutschen Spielerinnen sinken auf den Rasen, trösten sich gegenseitig und bedanken sich bei den Fans im Stadion. Das Team, sowie die Fans scheinen zwar ein im ersten Moment enttäuscht aber gleichzeitig auch wahnsinnig stolz auf die gezeigten Leistungen im Turnier. Kein Finale. Kein Pokal. Dafür Stolz, Gemeinschaft und ein Wandel?

Und Jetzt?
Doch wie schnell der Strom der Aufmerksamkeit wieder abebbt, zeigt sich wenige Wochen später. Der Turnierrausch ist vorbei, die Deutschlandtrikots werden wieder eingepackt und der Bundesliga Alltag kehrt wieder ein. Die Spielerinnen treten von der nationalen Bühne und kehren in ihre Vereine zurück.
1. Bundesliga: 1. FC Köln – FC Carl Zeiss Jena
Anpfiff im Franz-Kremer-Stadion. Ausgelegt für knapp 5.500 Besucherinnen und Besucher haben an diesem Sonntagnachmittag nur 1.700 den Weg ins Stadion gefunden. Die männlichen Kollegen füllen das RheinEnergieStadion im Schnitt mit knapp 50.000 Zuschauer:innen pro Spiel. Übertragen wird das Spiel nicht. Keine bundesweite Bühne, keine Konferenz, keine Sondersendung, nur Privatsender zeigen das Spiel. Wie viele eingeschaltet haben, kann nicht nachgehalten werden. Wer diese 90 Minuten erleben möchte, muss sich aktiv dafür entscheiden. Das Publikum steht dicht am Spielfeldrand, hört jedes Kommando, jedes Aufprallen des Balls, jedes Rutschen über den Rasen.
Die erste Halbzeit entwickelt sich zäh. Mit zunehmender Spieldauer wird die Partie körperlicher. Zweikämpfe häufen sich, das Tempo zieht an. Köln erhöht den Druck, rückt weiter auf, zwingt Jena tiefer in die eigene Hälfte. Aber immer fehlt der Abschluss. Und dann die Chance für Jena: Strafstoß in der 45. Minute. Souverän verwandeln die Gästinnen zum 0:1 und damit auch zum Endstand der Partie.

Dieses Bundesligaspiel ist kein Großereignis. Es schreibt keine bundesweiten Schlagzeilen. Es zeigt, worauf der Frauenfußball im Alltag basiert und noch leider basieren muss: auf regionaler Verbundenheit, auf unmittelbarer Nähe, auf Zuschauerinnen und Zuschauern, die sich aktiv entscheiden, da zu sein, Fan zu sein. Frauenfußball bekommt noch lange nicht die Aufmerksamkeit, die er verdienen würde. Für große internationale Turniere schwillt die Aufmerksamkeit zwar an, Medien berichten, Spiele werden übertragen, die Menschen interessieren sich dafür. Doch sobald der Aspekt der Nationalität wegfällt und statt Großturnier wieder Bundesligafußball ansteht, versiegt das Interesse für diesen Sport. Doch die letzte EM in der Schweiz hat Wellen geschlagen und Dämme eingerissen. Man kennt jetzt einzelne Spielerinnen wie Gwinn oder Berger. Sie sind keine unbekannten Gesichter mehr. Vielleicht markiert dieses Turnier endlich einen Wendepunkt im deutschen Frauenfußball.
Was als Rinnsal begann, ist während der EM zu einem reißenden Fluss angewachsen. Vielleicht fließt dieser Strom inzwischen wieder ruhiger, eher wie ein Bach als wie ein Fluss. Doch das Flussbett ist geblieben und wartet auf neuen Regen.

