Zeit ist ein komisches Phänomen. Als Kind dachte ich, sie vergeht langsam. Ein Nachmittag konnte sich endlos anfühlen, und die Sommerferien schienen gar nicht mehr aufzuhören. Je älter ich wurde, desto schneller ging sie vorbei. Nachmittage waren plötzlich mit einem Wimpernschlag rum. Ich dachte lange es würde nur mir so gehen, aber mittlerweile weiß ich, dass es tatsächlich jedem so geht. Schon verrückt, wenn man bedenkt, dass Zeit immer stetig verläuft und wir nicht einfach mehr oder weniger davon haben. Vielleicht geht es also weniger darum, wie viel Zeit wir haben, sondern wie wir sie erleben.
24 Stunden
Ein Tag hat 24 Stunden. Das klingt nach einer ganzen Menge. Man fängt erst an zu begreifen, wie wenig das ist, wenn man sie füllt. Und laut Friedrich Merz füllen wir sie nicht gut genug.
Friedrich Merz
Ich bin verwirrt, kommt jetzt der 12 Stunden Tag?
48 Stunden
Okay, von vorn:
Ein Tag hat 24 Stunden. Das klingt erstmal nicht schlecht. Arbeiten wir 12 davon, bleiben uns 12. 8 Stunden Schlaf, bleiben 4. Eine Stunde zum Büro, ein Zurück heim. Bleiben 2. Immerhin 2.
Diese zwei Stunden sind aber nicht einfach „frei“. In der Realität kommen sie in kleinen Stücken: ein bisschen Zeit morgens, ein bisschen abends, ein bisschen zwischendurch.
Und es fehlen natürlich noch so Sachen wie:
- Frühstücken
- Zähne putzen
- Duschen
- Kochen
Einkaufen(kann ich auch morgen erledigen)Wäsche(reicht am Samstag)- mit den Hunden gehen
- etc.
Die kleinen Dinge, die den Tag strukturieren, aber eben auch Zeit benötigen. Diese Dinge sind nun mal notwendig. Sagen wir, wir reduzieren all diese Dinge auf ein Minimum, ziehen eventuell noch was vom Schlaf ab. Dann haben wir permanent Schlafmangel.
Nicht gerade ideal.
Ich möchte meinen Job gut machen, richtig gut sogar. Das, was ich jetzt tue, wollte ich bereits, seit ich klein war. Ich habe viel dafür getan, um jetzt da zu sein, wo ich bin. Ich möchte richtig gute Leistungen erbringen und mir am Ende des Tages selbst auf die Schulter klopfen können. Weil mein Job mir Spaß macht und ich ihn gerne mache. Wie lange kann man 110% geben, wenn der Ausgleich fehlt? Ich möchte meinen Job nicht einfach nur erledigen – ich möchte mich konzentrieren können, Ideen haben, mich verbessern und vor allem möchte ich am Ende eines Tages nicht nur müde sein, sondern auch zufrieden.
So würde das dann bei mir aussehen: Ich habe (noch?) keine Kinder, pflege (noch?) keine Angehörigen und habe auch sonst (noch?) keine anderen Verpflichtungen. Mit anderen Worten: ich habe Zeit. Meiner Rechnung nach habe ich bei einem 12 Stunden Tag trotzdem keine Minute allein, in der ich zur Ruhe kommen könnte, in der ich ausatmen könnte. Dann hätte ich auch keine Zeit den Stress auszubalancieren.
Wochenende/Hamsterrad
Aber ey, vielleicht ist es ja doch machbar. Vielleicht lernen wir so unsere Zeit noch mehr zu schätzen, das Wochenende noch mehr zu genießen, Zeit schätzender zu verplanen. Who knows. Bei einer 48 Stunden Woche und 12 Stunden Tage, hätten wir einen zusätzlichen Tag frei. Wenn wir weiterhin 8 Stunden am Tag arbeiten, wäre es ein Tag vom Wochenende weniger. Beides nicht so wirklich toll, aber in diesem Essay gehen wir jetzt einfach mal von 12 pro Tag aus.
Ich, für meinen Teil, würde am Wochenende (egal wie lange es am Ende wäre) all die Dinge tun, die mir guttun. Freunde treffen, Sport machen, lange Spaziergänge mit den Hunden, eine Serie schauen, etwas Aufwendiges kochen, lesen. Aber auch diese Zeit ist begrenzt. Neben den Dingen, die mir guttun, werde ich natürlich auch all die Dinge aufholen, die unter der Woche liegen geblieben sind. Wahrscheinlich hätten sie sogar Priorität. Vielleicht hätte ich am Ende des Tages dann doch keine Zeit mehr für mich. Es ist ein Dilemma. Wer weiß, wie es kommen würde, ich kann schließlich nicht in die Zukunft sehen.
Aber wir können in die Vergangenheit schauen.
All work and no play makes us dull people
Es war einmal vor langer Zeit ein Autor namens James Howell. Im 17. Jahrhundert veröffentlichte er eine Sammlung von Sprichwörtern („collection of proverbs“). – und hielt dabei etwas fest, das bis heute erstaunlich aktuell ist:
“All work and no play makes Jack a dull boy”.
Der Satz wurde 1659 festgehalten und bedeutet, dass ein erfülltes Leben von der richtigen Balance zwischen Arbeit und den Dingen abhängt, die einem Freude bereiten. Es ist also schon seit 367 Jahren bekannt, dass eine gute Work–Life Balance wichtig ist.
Die Definition der Work-Life Balance beschreibt übrigens “das harmonische Gleichgewicht zwischen den Anforderungen des Berufs- und Privatlebens”. Im Grunde bedeutet es also dasselbe wie der Spruch von damals. Heutzutage gibt es vier Säulen, die die Work-Life Balance beeinflussen: Beruf, soziale Beziehungen, Gesundheit und persönliche Entwicklung. Um voll im Flow zu sein, müssen diese Säulen ausgewogen sein, dabei ist die Priorisierung bei jedem Menschen anders. Wenn eine der Säulen aus dem Gleichgewicht gerät, in diesem Fall die Säule des Berufs, dann kann das zu einer gestörten Work-Life Balance führen. Und das kann gesundheitliche Folgen haben. (mehr dazu hier)
Die Schattenseite
Ist die Balance gestört, können sowohl physische als auch psychische Probleme auftreten. Kopfschmerzen, Verspannungen, Magenprobleme, ein geschwächtes Immunsystem, Probleme beim Ein- oder Durchschlafen, innere Leere, Gereiztheit, Burnout.
Yvonne Wagner (die techniker)
Okay, also macht eine unausgeglichene Work-Life Balance krank. Merz ist kein Fan von der Work-Life Balance, behauptet aber auch, wir seien zu oft krank?
Hä?
Ums zusammenzufassen, wir sollen mehr arbeiten, weniger Zeit für eine Work-Life Balance, von der man seit über 300 Jahren weiß, wie wichtig sie ist und zusätzlich sollen wir weniger krank sein, obwohl der fehlende Ausgleich krank machen kann? Heißt: es wird mehr krankheitsbedingte Ausfälle geben. Widerspricht sich das nicht irgendwie? JA!!!
Ich bin verwirrt. Das Ganze wird mir nicht klar.
Um es noch komplizierter zu machen
Wie sollen Eltern die fehlende Zeit handhaben? Wenn beide Elternteile arbeiten? Wenn sie alleinerziehend sind? Oder Menschen die bereits eine Vorerkrankung haben? Werden sie zumindest entlastet? Würden so alle mehr verdienen? Alles wird teurer, das wäre vielleicht eine Motivation. Nicht jeder startet unter den gleichen Voraussetzungen. Manche haben mehr Verantwortung, weniger Unterstützung oder gesundheitliche Einschränkungen. Für sie würde ein längerer Arbeitstag noch stärker ins Gewicht fallen. Die Frage ist also nicht nur, ob es theoretisch möglich ist, sondern für wen es überhaupt realistisch wäre.
Zeit ist Geld
Ist Zeit dadurch jetzt zu einem Luxusgut geworden? Etwas ganz Exklusives? Zeit muss man sich leisten können. Wer genug verdient, kann Arbeitszeit reduzieren, Hilfe im Alltag bezahlen oder sich bewusst Pausen nehmen. Wer das nicht kann, hat diese Möglichkeiten nicht.
Zeit besitzt theoretisch jeder und sie vergeht für jeden auch gleich schnell. Aber nicht alle können über sie frei verfügen und sie nutzen, wie es ihnen beliebt. Vielleicht ist Zeit deshalb tatsächlich eine Art Luxusgut geworden. Nicht im Sinne von mehr Stunden am Tag, sondern im Sinne von Kontrolle darüber, wie man sie nutzt.
Note to self
Wenn ich so drüber nachdenke, ist Zeit das Wertvollste, was wir haben. Sie läuft stetig weiter und hält nicht an. Egal was wir tun, wir bekommen vergangene Zeit nicht zurück. Vielleicht geht es am Ende gar nicht nur darum, wie wir unsere Zeit aufteilen, sondern darum, ob noch genug davon übrigbleibt, um sie überhaupt bewusst wahrzunehmen. So wie damals, als sich Nachmittage noch endlos fühlten.
Text: Hannah Buscher

