Wenn die meisten Leute an Frauen-Rugby denken, haben sie (wenn sie sich überhaupt etwas darunter vorstellen können) wahrscheinlich das Bild von einer Spielerin wie Hannah Botterman aus der Englischen Nationalmannschaft vor Augen. Sie selbst beschreibt sich als die stereotypische Rugby-Spielerin. Sie hat kurze Haare, ist breit gebaut und sehr muskulös und lebt noch dazu offen lesbisch. Allerdings haben wir es beim Profi-Rugby mit einem der diversesten Sportarten zu tun, wenn es um das Körperbild geht. Im 15er-Rugby gibt es eine riesige Bandbreite an Spielerinnen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. . Es gibt die Forwards, die Spielerinnen mit der meisten Kraft, welche für die meisten Tackles verantwortlich sind und die eine der wichtigsten Rollen in der Verteidigung darstellen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es eher kleine und flinke Spielerinnen wie Braxton Sorensen-McGhee (gerade mal 19 Jahre alt) von den neuseeländischen Black Ferns, oder Ellie Kildunne von den Red Roses, der Englischen Nationalmannschaft, deren Spezialgebiet ihre unglaubliche Schnelligkeit und Wendigkeit ist, wodurch sie durch Lücken in der Verteidigung schlüpfen können und den ein oder anderen Versuch (wenn man Punkte macht, indem man den Ball hinter der gegnerischen Auslinie ablegt) im Vollsprint legen können.

Die Quelle des Frauen-Rugby

Über die Anfänge des Frauen-Rugby ist nicht besonders viel dokumentiert, trotzdem versuchen wir, sie ein bisschen besser nachzuvollziehen. Hierfür habe ich den Artikel Evolution of Womens Rugby zurate gezogen. Die frühen (dokumentierten) Anfänge lassen sich 1884 an einer Schule in Irland verzeichnen, an der eine Frau namens Emily Valentine in einem Rugby-Team mitspielte. Einige Jahre später (1891) gab es in Australien den Versuch ein “Touring Team” zu gründen, wegen dem gesellschaftlichen Druck ist dies dann aber doch gescheitert. Erst 1917 fand das erste offizielle Spiel zwischen zwei Frauenmannschaften in Cardiff statt, auch wenn es sich hier nur um eine Wohltätigkeitsveranstaltung handelte. Das erste offizielle Womens Rugby Union Team wurde 1962 an der Universität Edinburgh gegründet, woraufhin auch in vielen anderen Ländern wie in den USA, Spanien oder den Niederlanden Teams gegründet wurden. Das allererste Länderspiel fand im Jahr 1978 zwischen Kanada und den Niederlanden statt. Eine alle vier Jahre stattfindende Weltmeisterschaft gibt es seit 1991.

Wie aus der Quelle ein Fluss wurde oder die Entwicklung der Weltmeisterschaft

Letzten Sommer fand die zehnte Rugby-Weltmeisterschaft der Frauen in England statt. Sie stellte sich als einen riesigen Sprung im Vergleich zur WM 2021 in Neuseeland heraus, unter anderem im Hinblick auf verkauften Tickets, Streamingzahlen und Reichweite in sozialen Medien. Das Finale konnte mit 81.885 verkauften Tickets einen neuen Zuschauer*innen-Rekord aufstellen und kommt damit sehr nah an den Rekord bei der Männer-WM, welcher bei etwa 1.000 Zuschauer*innen mehr liegt.

Heutzutage herrscht jedoch noch eine große Kluft zwischen der Leistung der Teams, die an der Weltmeisterschaft teilgenommen haben. Dadurch dass der Frauenbereich des Sports noch so jung ist, gibt es große Unterschiede in der Leistung der Mannschaften, da es auch nicht überall die gleiche Menge an Förderung gibt. Somit entstehen besonders in der Gruppenphase des Turniers Ergebnisse wie 73:00 im Spiel Australien gegen Samoa oder 84:05 im Spiel Frankreich gegen Brasilien.

Das Problem hierbei ist, dass der Frauen-Rugby immer noch ziemlich wenig professionalisiert ist, in dem Sinne, dass sehr wenige Spielerinnen Profi-Verträge haben und damit auch genug Geld für ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Somit müssen die meisten National-Spielerinnen trotzdem neben ihrer Profi-Karriere auch noch andere Jobs machen, um überleben zu können. 2019 war die englische Nationalmannschaft das erste Team, in dem alle Spielerinnen einen Vollzeit-Profi-Vertrag bekamen. Andere Teams wie Samoa, müssen bis sich heute mithilfe von Crowdfunding selbst um die Finanzierung der Teilnahme an der Weltmeisterschaft kümmern. Durch Top-Mannschaften wie England, Kanada oder Neuseeland lässt sich sehen, auf was für ein Level die Mannschaften kommen können, wenn die finanzielle Unterstützung da ist (zumindest im Vergleich zu anderen Ländern, in denen der Sport weniger verbreitet ist, aber bei weitem noch nicht genug) und auch die Infrastruktur der Jugendförderung. Durch bessere Förderungen könnte der Sport auf internationaler Ebene noch deutlich mehr professionalisiert werden, sodass das Spiel-Niveau weiter angezogen wird.

Eine Flutwelle in den sozialen Medien

Ilona Maher ist mindestens seit den olympischen Spielen 2024 in den sozialen Medien das Gesicht des internationalen Frauen-Rugby. Mit 5,4 Mio Followern auf Instagram hat sie eine unglaublich große Reichweite, die sie nutzt, um junge Mädchen zum Rugby zu bewegen, Muskeln in die Modewelt zu bringen, oder auch einfach nur Lifestyle Content zu machen. Ihr Markenzeichen ist roter Lippenstift, welchen sie auch bei ihren Rugby-Spielen trägt, um ein Statement zu setzen, dass ein muskulöser Körper nicht gleich Maskulinität bedeutet.

Anlässlich der Weltmeisterschaft gab es sogar eine Kampagne mit Barbie, in deren Rahmen Barbies von einigen der bekanntesten Spielerinnen veröffentlicht wurden. Hierfür ausgewählt wurden Ilona Maher (USA), Ellie Kildunne (England), Portia Woodman-Wickliffe (Neuseeland) und Nassira Konde (Frankreich). Das ist ein großer Schritt für die Sichtbarkeit des Frauen-Rugbys und könnte hoffentlich auch junge Mädchen dazu bringen, mit dem Rugby anzufangen und sich dem Stereotyp zu widersetzen, der Sport sei nicht “weiblich” genug.

“At Barbie, we belive that girls can be, and do anything” – Krista Berger, Senior Vice President of Barbie, Mattel

Wie in fast keinem anderen Profi-Sport werden so unterschiedliche körperliche Fähigkeiten benötigt wie im Rugby. Ich habe letztens ein Reel gesehen von einer Spielerin, die bei der Rugby-WM letztes Jahr in England mitgespielt hat, und trotzdem ein Problem damit hat, sich selbst eine Profi-Athletin zu nennen, weil sie nicht den typischen Körper hat, wie Profi-Sportlerinnen aus anderen Sportarten wie Fußball oder Sprint. Einen Teil des Problems nimmt Mattel  bei seinen Barbies mit auf, dadurch dass sie der Ilona Maher Barbie ein paar Muskeln gegeben haben. Aber ganz ehrlich, die Barbies bilden trotzdem nur einen sehr kleinen Teil der Körperbilder im Profi-Rugby ab, weil sie noch „dünn genug“ sind, um in das Barbie-Schema hineinzupassen.

Wie breit kann der Fluss überhaupt werden?

In den letzten Jahren hat sich im Frauen-Rugby unglaublich viel entwickelt, durch die Teilnahme bei den olympischen Spielen, aber auch durch die Rekordzahlen bei der Weltmeisterschaft 2025. Hier stellt sich die Frage, wie weit kann sich der Sport noch entwickeln? Kann er noch weiterwachsen, sich weiter professionalisieren und somit noch populärer werden? Oder ist Rugby einfach zu nieschig und besonders in Ländern wie Deutschland der Bedarf an Profisportarten durch Fußball, Handball und Basketball gesättigt?

Ich persönlich glaube da geht noch so einiges. Frauen-Rugby ist noch ein so junger Sport, der innerhalb von vergleichsweise kurzer Zeit unglaublich gewachsen ist, und ich denke, wenn mehr Finanzierung in die Förderung fließt, dann ist das gerade erst der Anfang.