Get off the internet and out on the streets!
Die Demo zum feministischen Kampftag startet dieses Jahr am Heumarkt und soll sich vier Kilometer durch die Innenstadt Kölns ziehen. Als ich ankomme, ist der Platz bereits bis zum Rand gefüllt von einer bunten Masse aus Menschen, Plakaten und Fahnen, die ineinander verschwimmen. Ich bahne mir einen Weg durch die kleinen Grüppchen, um etwas von der Kundgebung mitzuhören, gebe aber nach ein paar Metern auf, weil es zu voll ist. In Köln haben sich zum 115. Weltfrauentag am 08. März 2026 etwa zehntausend Menschen versammelt, um für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zu demonstrieren. Weltweit gehen hundertausende Menschen an diesem Tag auf die Straße, die ein Gefühl vereint: Wut.
„Meine Wut passt nicht auf ein Plakat“ Laura (23), Demonstrantin
Ich schaue mich auf dem Platz um und fange an die Sprüche auf den vielen selbst gemalten, bunten Plakaten zu lesen, von denen die meisten einen bitteren Nachgeschmack haben. Sie thematisieren Diskriminierung und Gewalt, die Verschränkung von Klimakrise, Kapitalismus und Patriarchat und der Forderung nach Selbstbestimmung über den Körper und gerechten Arbeits- und Lohnverhältnissen. Es fühlt sich im ersten Moment empowernd an die Plakate zu lesen und die Gesichter der Menschen zu sehen, die auf die Straße gehen, aber ich bin gleichzeitig auch enttäuscht als mir auffällt, wie wenig Männer da sind, um die feministische Demonstration zu unterstützen.

Das Fehlen von Männern ist hierbei kein Zufall, sondern ein Symptom. Es markiert die Grenze zwischen performativen Gesten und echter Solidarität. Es ist leichter sich mit dem Label „Feminist“ zu schmücken und performativ feministische Literatur in Cafés zu lesen, doch echt Allyship endet oft dort, wo sie unbequem wird: in der physischen Präsenz. Die Freiheit, das Patriarchat nur dann zu thematisieren, wenn es sozial profitabel ist, ist ebenfalls ein Privileg. Wir brauchen keine wohlwollenden Zuschauer am Spielfeldrand, sondern Allys, die verstehen, dass Solidarität kein Sonntagsausflug ist, sondern die Bereitschaft, den eigenen Komfort für einen Systemwechsel hinten anzustellen und die eigenen Privilegien zu nutzen und konsequent zu hinterfragen.

Potty-Parity: Warum Gleichheit nicht gleich Gerechtigkeit ist
Bevor die Demo sich in Bewegung setzt, will ich nochmal in ein Café auf Toilette gehen. Es stehen schon mehrere FLINTA* Personen in der Schlange an und ich reihe mich hinter ihnen ein. Nach ein paar Minuten sehen wir kollektiv dabei zu, wie sich ein männlicher Demo-Besucher an der Schlange vorbeidrängt und im Männerklo verschwindet. Ich frage mich wie viele Stunden ich in meinem Leben wohl schon in Toiletten-Warteschlangen verbracht habe. Neben den großen und wichtigen Forderungen auf den Plakaten, kommt es mir fast nichtig vor und ich schäme mich dafür, dass ich mich so darüber aufrege. Dennoch bin ich von der Ignoranz genervt und davon, dass ich nicht gesagt habe, dass er sich nur heute mal hinten anstellen kann.
Die Schlange im Café ist jedoch kein Zufallsprodukt, sondern gebauter Sexismus. Die Gegenbewegung „Potty Parity“, auf Deutsch etwa „Toiletten-Gleichheit“ oder „WC-Gerechtigkeit“, bezeichnet das Bestreben, durch gesetzliche Regelungen und architektonische Planung eine gerechte Verteilung von öffentlichen Toiletten für Frauen und Männer zu erreichen. Was auf den ersten Blick wie ein banales Alltagsproblem wirkt, ist bei genauerer Betrachtung eine Frage der geschlechtergerechten Stadtplanung. Während wir anstehen, verlieren wir Lebenszeit. Es ist die Summe dieser winzigen Zeitdiebstähle, die fehlende Beleuchtung auf dem Heimweg, die Autositze, die für männliche Körper optimiert sind, das Fehlen von Aufzügen in öffentlichen Räumen und die Medikamente, deren Dosierung an Männern getestet wurde, die das Fundament unserer Wut bilden. Es ist der Zorn darüber, dass die Welt nicht für uns gebaut ist und uns strukturell benachteiligt.

Als ich wieder aus dem Café rauskomme, setzt sich der Demozug langsam in Bewegung und der erste Block zieht durch die abgesperrte Straße an mir vorbei. Wie ein breiter Strom fließen die Menschen vom Platz ab, der von einem Meer aus Stimmen begleitet wird, die laute Parolen rufen: „Jin, Jiyan, Azadî – Hoch die internationale Solidarität!“ Nach ein paar Minuten reihe ich mich in einen der mittleren Blöcke ein und bin nun Teil des Flusses, der langsam und stetig durch die Stadt fließt. Es dauert kurz bis ich mich traue die Parolen mitzurufen, aber die Menge reißt mich schließlich mit und ich finde meine Stimme, die mit jedem Satz lauter wird.
„Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit. Was als kurdischer Widerstandsruf begann, wurde durch die Proteste im Iran nach dem Tod von Jina Mahsa Amini zum globalen Taktgeber. Der Slogan ist das radikale Manifest der vierten Welle: Er stellt die Frau (Jin) ins Zentrum von Leben (Jiyan) und Freiheit (Azadî). Wenn diese drei Wörter auf dem Heumarkt gerufen werden, ist das kein bloßer Slogan, sondern ein Versprechen. Es ist die Anerkennung, dass kein System frei sein kann, solange Frauen unterdrückt werden und verbindet die privilegierte Wut in Köln mit dem lebensgefährlichen Mut der Frauen in Teheran und Kurdistan zu einer Strömung.
Ich will kein Fluss mehr sein, sondern eine Welle, die ausbricht, alles überschwemmt und mitreißt
Female Rage ist weit mehr als nur ein Trendbegriff. Es ist die bewusste Rückeroberung einer Emotion, die Frauen historisch konsequent abgesprochen wurde. Während männliche Wut oft als kraftvoll, gerechtfertigt oder gar heldenhaft gilt, wurde weibliche Wut über Jahrhunderte als Hysterie, Emotionalität oder Anstrengung pathologisiert und unterdrückt. In der aktuellen vierten Welle des Feminismus wird diese Wut jedoch zum politischen Werkzeug und zum bindenden Glied: Sie ist die Antwort auf systemische Ungerechtigkeit, sexualisierte Gewalt und die unsichtbare Last des Alltags. Female Rage bedeutet, den gesellschaftlichen Druck, stets sanft und beherrscht zu sein abzuschütteln und den Zorn stattdessen als legitimen Kompass für Veränderung zu nutzen. Es ist der Moment, in dem aus dem jahrelangen Schlucken von Mikroaggressionen ein kollektiver Schrei wird, der den Status quo nicht nur infrage stellt, sondern erschüttert.

Wenige Wochen nach der Demo am 8. März löst der Fall um Collien Fernandes eine Welle der Empörung aus und tritt eine Debatte zu digitaler Gewalt los, die viele raus aus dem Instagram-Aktivismus und auf die Straße bringt. In vielen Städten finden deutschlandweit Demonstrationen aus Solidarität für Collien Fernandes statt, die mutmaßlich Opfer digitaler Gewalt durch ihren Ex-Partner Christian Ulmen geworden ist. Das berühmte Zitat von Gisèle Pelicot „Die Scham muss die Seite wechseln“ wird hier im Online-Diskurs oft umformuliert zu „Die Wut muss die Seite wechseln!“, wodurch die Forderung deutlich wird, dass die Wut auch von Männern mitgetragen werden muss. Es ist der kollektive Aufruf, die Wut nicht länger bei sich zu halten, sondern sie als legitime Kraft dorthin zurückzugeben, wo sie seinen Ursprung hat, nämlich beim Täter und einem System, das sein Handeln deckt. Wir müssen die emanzipatorische Kraft von öffentlichen Solidaritätsbekundungen, wie Demonstrationen weiter nutzen, unsere Stimmen wiederfinden und weiterhin laut und unbequem sein.
Elena F.
Quellen:
https://fragdenstaat.de/anfrage/geschlechtsbezogene-wartezeiten-an-oeffentlichen-toiletten-potty-parity-informations-und-rechtslage-2
GreenCampus – Die Weiterbildungsakademie der Heinrich-Böll-Stiftung
https://www.deutschlandfunkkultur.de/weltfrauentag-weibliche-wut-feminismus-emanzipation-100.html
https://www.sueddeutsche.de/magazin/freie-radikale-die-ideenkolumne/wut-feminismus-szm.88440
https://www.frauenpolitischer-rat.de/wtf-warum-dieses-motto/
https://www.bw.linksjugend-solid.de/material/demospruche/

