Zwischen dem Wunsch nach Erleben und Konsumdruck – Auf der Suche nach langsamen Geschichten im schnellen Strom der Buchwelt.


Mehr Bücher, mehr Erleben, mehr Tempo – aber weniger Genuss? Dieser Essay erzählt, was die Digitalisierung mit unserem Lesefluss macht, was BookTok mit der ganzen Sache zu tun hat und warum es auch mal gut ist das nächste Kapitel warten zu lassen.

Foto: Alina Senger

Hast du schon einmal ein Buch in der Hand gehalten und überlegt, wie lange es dauern würde, es zu lesen? Und es dann wieder zurückgelegt, weil es nicht in deinen Zeitplan passen würde – du musst ja mehr schaffen! Was würde dein zehnjähriges Ich dazu sagen, dass du dir ein Abenteuer entgehen lässt, nur weil das Buch zu „lang“ ist?

Was mein zehnjähriges Ich dazu sagen würde, weiß ich nur zu gut. Denn für mich war im Kindesalter jedes Buch, das ich gelesen habe, ein Portal – ein Sprungbrett in unbekannte Welten, die mich in sich gefangen hielten, sodass Raum und Zeit miteinander verschmolzen und ich erst merkte, wie viel Zeit ich in derselben Position verbracht hatte, als mir die letzte Seite das Happy End der Protagonisten verriet.

Ein Strom aus Geschichten, die mich als Kind mit sich gerissen haben und mit denen ich mich treiben lassen konnte, bis ich bereit war, das nächste Buch zu lesen und somit das nachstehende Abenteuer zu erleben. Lesen war wie Atmen: selbstverständlich und still. Kein Blick auf die Uhr, kein Gedanke daran, wie viele Seiten noch zu lesen sind und wie viele Bücher ich noch „vor mir“ habe. Nur das Blättern der Seiten und Fließen der Zeit begleiteten den ruhigen Lesefluss – sanft wie ein Bach, der sich seinen Weg sucht.

Mein zehnjähriges Ich würde sich also nicht aus der Ruhe bringen lassen. Es würde die Geschichten genießen. Und das in ihrem eigenen Tempo, so wie es der Lesefluss zulässt. Aber ich wusste damals auch noch nicht dass, je älter ich werde, desto mehr sich auch die Welt der Bücher verändern sollte.

Foto: Alina Senger, KI-generiert

Die langsame Digitalisierung der Bücher

Durch die Regale der Buchhandlungen zu streifen und neue Bücher anhand des Inhaltes auszuwählen, gehörte für mich schon immer mit zum Leseerlebnis. Jedes Buch, das ich mitnehme, ist ein Schatz, den ich selbst entdeckt habe. Hinter dem keine Empfehlungen oder ein Trend stecken, sondern nur Neugier und Vorfreude.

Nur entwickelt sich die Gesellschaft weiter und ich frage mich, ob der Lesefluss und das Leseerlebnis, wie ich es kennengelernt habe, überhaupt noch möglich sind. Die digitale Welt erobert den Buchmarkt. So muss ich gar nicht mehr in den Buchladen meines Vertrauens gehen, um Nachschub zu bekommen, sondern kann online mit einem Klick alles erledigen. Und besser:  Ich muss mich nicht mehr entscheiden, welches Buch ich mit in den Urlaub nehmen möchte, denn auf meinem E-Reader lässt sich ganz bequem meine komplette private Bibliothek transportieren.

So ist das doch eigentlich eine gute Entwicklung, oder? Es hilft der Umwelt, dass weniger Bücher produziert werden müssen, und meinem Rücken, dass ich nicht meine halbe private Bibliothek überall hintragen muss, weil ich mich nicht entscheiden kann, was ich lieber lesen möchte. Die Schriftgröße lässt sich schnell verändern und umblättern muss ich dank des kleinen Gerätes auch nicht mehr. So sollte ich doch zufrieden mit der stetigen Entwicklung für uns passionierte Leser sein.

Aber was macht es mit meinem Leseerlebnis, weshalb ich angefangen habe, es mein Hobby zu nennen? Der unvergessliche Geruch der Bücher lässt sich schwer auf einen Bildschirm übertragen und auch fängt es an, mich zu stressen, dass mir die kleine Leiste unten im Bildschirm immer wieder von Neuem verrät, wie viel Prozent ich schon gelesen habe. Es ist nicht die Anzeige selbst, die mich stresst, sondern das stetige Gefühl, verhöhnt zu werden, weil sie so langsam voranschreitet. Ich erlebe nicht mehr, wie die rechte Seite des Buches immer kleiner und die linke Seite immer größer wird, sondern werde mithilfe von Zahlen verhöhnt, dass ich erst bei fünf Prozent bin, wo ich doch schon über zwei Stunden lese. Und langsam aber sicher scheint es so, als würde sich in meinem Lesefluss das Tempo des Netzes wiederfinden – nie ruhig, nie ungestört und mit stetigen neuen Eindrücken, die sich in den Vordergrund drängen wollen, während diese doch nebensächlich sein sollten. Wie die prozentuale Bewertung meines Lesefortschrittes.

Und langsam aber sicher scheint es so, als würde sich in meinem Lesefluss das Tempo des Netzes wiederfinden – nie ruhig, nie ungestört und mit stetigen neuen Eindrücken, die sich in den Vordergrund drängen wollen, während diese doch nebensächlich sein sollten.

Als Konsequenz versuche ich also, schneller und schneller zu lesen, sodass ich aber nach ein paar Seiten feststellen muss, dass ich doch überhaupt nichts mitbekommen habe, was eigentlich geschehen ist. Es ist, als sei Lesen ein Wettrennen geworden, das man nur verlieren kann, egal wie schnell man ist. Die Konzentration für ein Buch schwindet und der Spaß vergeht am Lesen, obwohl es gerade erst gemütlicher geworden war, zu lesen. Aber das Gefühl ist nicht mehr dasselbe wie vorher.

Ich denke, das würde bei mir, sowie bei vielen anderen Menschen auch, erklären, warum man sich dem Hobby Lesen zeitweise abgewendet hat. Ein Buch in die Hand zu nehmen und die Geschichten zu erleben, raubt nun Energie, statt welche zu bringen.

Ein Marathon der nicht zu gewinnen ist?

Irgendwann, fast unmerklich, verändert sich die Buchwelt in einem fließenden Tempo erneut. Soziale Medien mit dem Phänomen BookTok schleichen sich hinein und überfluten die Leserschaft mit neuen Titeln und Autoren, als wär ein Staudamm eingerissen worden. Und Lesen ist kein stilles Vergnügen mehr. Die Welt will wissen, was gelesen wird und was sie selbst gelesen hat.

Und ich steige mit auf das Boot. Ich lasse mich mitreißen von den vielen Trends und mitziehen, wie die Buchwelt nun funktioniert. Ist das jetzt die Welt der Leserschaft? Menschen, die mir erzählen, was sie gelesen haben und was sich lohnt, heute noch zu lesen? Letztendlich hat BookTok mir zwar beigebracht, mehr zu lesen, aber auch schneller wieder die Konzentration zu verlieren.

Das BookTok auch seine guten Seiten hat, will ich nicht abstreiten. Schließlich sorgt es dafür, dass eine stetig wachsende Community einen Ort hat, um sich auszutauschen. Wie ein sehr großer Buchclub. Und auch inspiriert es besonders junge Menschen, wieder mehr zu lesen, was dem Buchmarkt zugutekommt, der dadurch wieder wachsen kann. Das alles steht außer Frage. Aber hat das Online-Phänomen auch positive Auswirkungen auf den Leser und die Leserin selbst? Ist es gut für die Leserschaft, sich von der Online-Community mitreißen zu lassen?

Letztendlich hat BookTok mir zwar beigebracht, mehr zu lesen, aber auch schneller wieder die Konzentration zu verlieren.

BookTok war stets bemüht, zu motivieren, aber wie viele Online-Phänomene, hat sich auch das verselbstständigt. Neben Empfehlungen von Büchern bekomme ich jeden Tag zu hören, welches großartige Buch in den nächsten Tagen veröffentlicht wird. Autoren scheinen nur noch wie Maschinen zu sein, die ohne Pause arbeiten. So viel kann man doch nicht in kurzer Zeit schreiben! Oder? Doch offensichtlich schon, sonst wäre das heute nicht der Fall.

Aber lesen, lesen kann man doch nicht so schnell, wie die Autoren veröffentlichen! Was bringt es denn, den dritten Band einer Reihe zu veröffentlichen, wenn man nicht genug Zeit hatte, den ersten zu lesen? Auch diese Antwort ist schnell gegeben: weil es genug Menschen gibt, die so schnell lesen. Die BookToker, die in einer Woche vier, in einem Monat 27 und in einem Jahr Hunderte Bücher lesen. Und ich? Ich lese auch vier … in einem Jahr.

Druck, den ich verspürt habe, als ich mir meinen ersten E-Reader gekauft habe und da diese Prozentanzeige war, denselben verspüre ich nun wieder. Ich versuche, mitzuhalten. Mitzuhalten mit dem Tempo der Autoren. Mitzuhalten mit dem Lesetempo der anderen. Mitzuhalten mit meinem eigenen Bücherregal.

Und so lande ich schlussendlich in meiner heutigen Situation: je mehr Bücher ich kaufe, desto weniger Zeit habe ich, diese dann auch zu lesen. Mein Stapel ungelesener Bücher wächst ins Unermessliche. Titel von Autoren stauben in meinem Bücherregal ein und bei meinen E-Books habe ich längst den Überblick verloren, welche ich besitze. Bestimmt doppeln sich die Titel bereits in meinem Regal und auf dem E-Reader, nur damit ich sie am Ende doch neben meinen Haushaltsaktivitäten als Hörbuch „lese“.

Ein Hörbuch lesen? Nein, eigentlich sollte man das doch als eine Art Schummeln werten. Ein Hörbuch konsumieren? Das schon eher! Es ist eine Erleichterung für den Fall, dass der überschwängliche Bücherkonsum einen überflutet und man der schnellen Strömung der Veröffentlichungen nicht Schritt halten kann. Und das kann ich offensichtlich nicht.

Foto: Alina Senger, KI-generiert

Und mittlerweile muss ich mir selbst die Frage ehrlich beantworten: Genieße ich die Bücher eigentlich noch, so wie ich es als Kind getan habe, und tauche in die kleinen Welten ein, oder lese ich nur noch, um einen Haken hinter den nächsten Titel des nächsten Autors zu setzten? Um meine Liste von gelesenen Büchern am Ende des Jahres möglichst lang zu haben? Wann wurde aus dem Genuss des Lesens ein stumpfes Abhaken?

Text: Alina Senger