Ich flüstere Jahrtausende alte Geheimnisse. Wie fühlt es sich an, alles zu sehen, jede Stimme aufzunehmen, Wellen der Trauer im Mondlicht zu tragen? Lies meine Geschichte.

Morgen

Ich kenne kein Erwachen und kein Einschlafen und doch bin ich die Erste, die den Morgen trägt. Noch bevor Augen sich öffnen, habe ich ihn längst berührt… Seit Jahrtausenden. Manche würden dies wohl als Unsterblichkeit betiteln. So viele suchten nach ihr und viele suchen noch immer. Ich bin Zeugin von unzähligen Wanderschaften geworden, Zeugin der Sehnsucht nach dem großen Geheimnis des ewigen Lebens. Schon König Gilgamesch begleitete ich auf seinem Weg ans Meer. Ich sah, wie er dort fand, wonach er zu suchen vermochte und dies noch schneller wieder verlor. Mit leeren, sterblichen Händen kehrte Gilgamesch von seiner Wanderschaft zurück und erkannte, dass nur Geschichten einem Menschen Ewigkeit verleihen können. Vielleicht ist das die wahre Bedeutung von Unendlichkeit: das eigene Leben mit Geschichten zu füllen Tag für Tag. Denn die meisten besitzen nur dieses eine vergängliche Leben. Oder liegt gerade in diesem einen Leben die Unsterblichkeit verborgen?

Morgennebel/ Jan-Martin Schmidt

Ich weiß es nicht zu sagen, denn ich habe so viele Leben in einem einzigen getragen. Durch mich flossen Abertausende, wir wurden eins – für kurze Zeit. Seit unzähligen Jahrtausenden kommen sie zu mir, um zu schwimmen, zu spielen, zu arbeiten, um Lasten abzulegen oder um Abschied zu nehmen. ich nehme sie alle auf, ob wohlwollend oder unnachgiebig. Für einen Augenblick berührt ihre Haut mich, ihre Stimmen und ihr Lachen hallen in mir wider, ihre Tränen mischen sich in meine Strömung. Ihr Herzschlag wird ein Teil meines Rhythmus, ihre Hoffnung ein Glanz auf meiner Oberfläche, ihr Schmerz eine Tiefe in meinem Grund. Und irgendwann trennen sich unsere Wege wieder. Doch etwas von ihnen bleibt in mir zurück – als Erinnerung, als Bewegung, als Teil der großen Geschichte. Jede Stimme, die durch mich klang, hinterlässt Spuren. Somit gleicht kein Morgen dem nächsten. 

Auch ihn nehme ich auf und wir werden eins für den Augenblick. Dieser Moment fühlt sich jedes Mal aufs Neue an wie der zweite Satz einer Sinfonie. Es ist kein Neuanfang, aber er trägt Erinnerungen in sich, verarbeitet das, was zuvor erklang und bereitet zugleich vor, was noch kommen wird. Ein Nachklingen und gleichzeitig diese neue, leise Verheißung. Nebel hebt sich, noch kaltes Licht fällt auf meine Oberfläche, erste Vögel, die die Welt zum Aufwachen rufen und Menschen, die kurz innehalten, bevor sie vom Strom des Lebens erfasst werden. Schon bevor Städte Mauern hatten und Tempel noch aus Lehm und Holz bestanden, stiegen Menschen zu dieser Stunde ins Wasser. Sie reinigten sich von Sünden sowie spiritueller Unreinheit, sprachen Gebete zur aufgehenden Sonne, zu Re, zu den Flussgöttern. Untertauchen. Auftauchen. Ein alter Mensch bleibt im Wasser zurück, ein neuer steigt hinaus. Und so bin ich Zeugin wie aus Morgendämmerung Morgenenergie wird, wie das Sonnenlicht sich seinen Weg bahnt und die Welt erwacht. 


Mittag

Bergfluss/ Annouk Bielders

Wie immer fließe ich weiter. Stetig. Mal schnell, mal langsam, mal reißend, tosend, stürmisch oder ruhig, gleichmäßig, gemächlich und träge. Ein weiterer Tag, der sich breit macht und an dem ich schon so viele Stellen passiert habe und noch mehr passieren werde. Der Übergang vom Morgen in den Mittag ist fließend. Auf einmal ist es um mich herum so geschäftig und ich habe den Morgen schon beinahe wieder vergessen. Wann war das noch gleich? Heute oder gestern? Ich weiß es nicht. In mir verliert die Zeit ihre Ränder. Denn nicht nur der Morgen und der Mittag werden zu einem Ganzen. Ganze Tage, Wochen, Monate und Jahre verschwimmen und verschwinden in meinem Lauf. Sie lösen sich auf wie Sediment im Wasser, treiben eine Weile umher, bevor sie mich wieder durchdringen, Teil von mir werden, ununterscheidbar von dem, was ich schon immer war. 

Manchmal aber sammeln sich meine Erinnerungen. Als Flüstern, als Funkeln, als Glimmen in der Tiefe bevor sie zusammenströmen. Dann steigt sie auf, die Welle. Sie wächst, schwillt an, getragen von allem, was ich erinnere: jedem Licht, jedem Schatten, jedem leisen Moment, der je an mir vorübergezogen ist. In ihrem Inneren schwingt das Echo meiner Vergangenheit, verdichtet, laut, unaufhaltsam. Sie erhebt sich über mich, trägt mich fort, um dann über mir zusammenzubrechen. Als wäre ich zugleich Ursprung und Empfängerin ihres Aufbäumens.

Glitzer/ Canva

Wenn sie bricht, zerfällt das Licht auf ihrer Krone, die Gischt tanzt, schäumt, glänzt wie ein Fest aus Erinnerungen. Jedes kleine Luftbläschen der Gischt und ihrer Schaumkrone tragen sie. Sie tanzen einen gemeinsamen Tanz im Licht, bevor sie sich wieder verstreuen und in ihre Einzelteile zerfallen. Der Schaum sinkt, die Welle zieht sich zurück. Was glänzte wird trüb, was laut war, wird leise. Langsam aber sicher mischen sie sich wieder unter meine Strömung, bis sie nicht mehr voneinander zu trennen sind. Und doch weiß ich: Sie sind nicht verloren. Nichts verschwindet ganz in mir. Alles ruht, bis es eines Tages wieder zu singen beginnt, gesammelt in der nächsten Welle, die mich überflutet.

Währenddessen hat die Sonne bereits ihren höchsten Punkt überschritten und die Schatten der Bäume zeichnen bewegte Muster auf mein Gewand. An den Ufern springen Kiesel, Füße tauchen in mich ein, Hunde bellen und jagen meinem Lauf hinterher. Doch nicht nur sie finden zu mir. Auch das, was Menschen fortwerfen, gelangt in meinen Strom oder fliegt mit dem Wind heran. Manche Dinge kann ich von mir abwehren und spüle sie zurück ans Ufer, stoße sie ab, als könnte ich mich so selbst reinigen. Doch vieles bleibt. Es ist zu schwer, um es auf meiner Reise mitzutragen und so versenke ich es in meiner Tiefe, sodass es nur langsam vorankommt. Mit der Zeit wurde auch das Teil von mir. Wie die Stimmen, die mich rufen, gehört nun auch ihr Abfall zu meinem Dasein. Und manchmal, wenn die Sonne schon etwas tiefer steht und ihr Licht mich streift, sehe ich mein eigenes Spiegelbild nur noch trübe und zerrissen. Dann schmerzt es mich, dass meine Klarheit schwindet, dass das, was einst glitzerte, nun matt geworden ist unter der Last all dessen, was ich bewahren musste. Ich trage es weiter, doch es nimmt mir etwas von meiner Schönheit. Leise, unmerklich, Tag für Tag. 


Abend

Füssen/ Hannah Schmidt

Ich merke, wie ich müde werde von all dem. Von der Unruhe, dem Aufwirbeln, den Lauten, die mich überlagern. So vieles strömt in mich hinein, berührt mich und hinterlässt Spuren. Ich sehne mich nach Rückzug und dem Moment, in dem die Welt verblasst und das Licht schwerer wird. Ich wende mich ab von den Menschen am Ufer. Ihre Schritte und Rufe werden dumpfer und ich lasse ihre Geräusche davonfließen. Die Schiffe tuckern langsamer als noch zu Mittag, als hätten auch sie die Müdigkeit des Tages gespürt.

Ich kehre meine Aufmerksamkeit auf mein Inneres und lausche jenen Stimmen, die mich seit jeher begleiten. Dem Knurren der Welse, tief und fern wie ein schlafender Gedanke. Dem leisen Klopfen der Flusskrebse und dem Flattern der Fische. Sie sind alle bei mir. Meine inneren Klänge. Doch da ist noch ein anderer Klang, der nur mir gehört. Mein eigener. Ein gleichmäßiges Rauschen, ein inneres Pochen. Und dann ist da eine kleine Freude. Freude über das Leben, das in mir tobt, über das ständige Werden und Vergehen, über das feine Gleichgewicht aus Kraft und Hingabe. Ich fühle mich beseelt in meiner Müdigkeit. Als würde ich für einen Augenblick nicht nur fließen, sondern wirklich sein. 

Als ich wieder auftauche, scheint die Welt sich verändert zu haben. Die Geräusche werden leiser. Das geschäftige Treiben hat aufgehört, die Menschen gehen nach Hause und kehren mir ihren Rücken zu. Und ich allein fließe weiter. Mit weniger Weggefährten als zu vorherigen Stunden. Ach Stunden – wer weiß das schon? Begleitet von jenen, die bleiben, den Tieren, den Schatten, den Spiegelungen in den Wolken und der Sonne, die sich setzt und das Licht in Kupfer und Blut färbt. Wie weit bin ich heute schon gekommen? Ich weiß es nicht. Vielleicht zählt das auch nicht. Wo die Menschen, die eben noch Teil von mir waren, wohl hingehen? Manche kommen wieder, schauen mir zu. Und der Rest? Sind sie auf dem Weg weiterzuziehen oder auf dem Weg nach Hause? Zuhause. Ein Ort. Ein einziger Ort? Ich stelle mir die Menschen von heute in ihren Häuschen und Wohnungen vor und manchmal erhasche ich einen Blick in das ein oder andere Zuhause. Meist bleibt es jedoch dabei, dass ich ihre Lichter in der Ferne leuchten sehe, wie kleine Sterne entlang meiner Ufer. Manchmal spiegeln sie sich in mir. Ich frage mich, ob sie das sehen, ihr Zuhause das in meiner Wasseroberfläche zerrinnt. Wo ich selbst doch so vielen ein Zuhause bin, ohne jemals anzukommen. 


Nacht

Funkeln/ Hannah Schmidt

Während ich vor mich hin fließe, legt sich die Dunkelheit wie ein Tuch über mich. Nicht als Bedrohung, nur als sanfte Decke, die das Tageslicht zur Ruhe bringt. Sie und ich werden Eins. Sie nimmt mich auf und ich sie. Ein fließender Übergang. Fast nicht zu erkennen wo ich anfange und sie aufhört. Aber mit der Gewissheit, dass wir nur wenig Zeit gemeinsam haben bevor der Morgen kommt. In der Zwischenzeit trage ich all die Geschichten von heute, morgen und gestern in mir. Zwischen den Sternen über mir und den kleinen Lichtflecken in mir.

Ich denke an Menschen, die als Kinder mit mir gespielt, als Erwachsene an meinem Rand gesessen und irgendwann aufgehört haben zu kommen. Die meisten Gesichter verschwimmen aber bestimmte Farben und Stimmen, die der Himmel und der Wind mir manchmal zutragen, bringen sie zurück. Ich erinnere mich an Ufer, an Brücken aus Stein und Metall, die es nicht mehr gibt, an Wege, die überwachsen sind oder aus denen Straßen wurden. Ich erinnere mich an eine Zeit in der ich noch nicht eingedämmt wurde und einfach frei floss. Und obwohl Zeit alle Wunden heilt, kann ich nicht anders, als dass eine Melancholie und eine Traurigkeit mich ergreifen. Die Trauer glitzert auf meiner pechschwarzen Oberfläche.

Ich fließe weiter, bis sich das Glitzern in meine Tiefen unter den Sand legt. Für eine Weile scheint es, als wäre es verschwunden. Später reicht ein einzelner Mondstrahl, der meine Oberfläche berührt, und tief in mir beginnt etwas wieder zu schimmern. Dann spüre ich, dass es die Erinnerung ist, an das, was ich verloren habe. Für immer werde ich dieses Glitzern mit mir tragen. Es setzt sich in meinem Grund fest, aber es wird ruhiger und mit der Zeit mischt sich in das Stechen der Erinnerung auch eine Wärme. Und so trage ich sie sanft mit mir. In den Nächten, in denen die Trauer im Licht leise aufglitzert – spüre ich diese Wärme, die sich in mir ausbreitet. Niemand bringt mich so schön zum Glitzern wie meine Freundin die Dunkelheit. In ihr leuchte ich anders als unter der Sonne. Kein lautes Funkeln auf meinen Wellen, sondern ein Schimmern bis in meine Tiefen, dort, wo nur ich es spüre.

Canva

Am Anfang ist Glitzer überall, klebt an jeder Welle, an jedem Stein, an jeder Biegung in meinem Lauf, finster und funkelnd zugleich.

Ich ahne schon den Morgen. Ich freue mich darauf, wenn die Sonne mich wieder berührt, wenn mein Licht wieder auf der Oberfläche tanzt. Neue Geschichten kommen hinzu und die von heute sinken tiefer an meinen Grund, um später wieder auf meiner Oberfläche zu glitzern. Nichts in mir bleibt, wie es war, und doch bleibe ich. Mit jedem neuen Morgen, den ich in mir trage. 

Hannah Schmidt