Treibgut im Zeitfluss

Treibgut im Zeitfluss

Die Zeit ist immer im Fluss.

Menschen, Natur, Gesellschaft, Kultur – wir befinden und verändern uns im Fluss der Zeit. Oder? Was ist eigentlich Zeit? Oder ist sie überhaupt? Und warum ist das Leben damit so merkwürdig?

Schon der griechische Philosoph Heraklit beschrieb das Leben, die Zeit, eigentlich alle Dinge, mit der Metapher eines fließenden Flusses. Alles sei demnach ständig im Wandel. They say the only constant is change.

Tatsächlich scheint alles in Bewegung: Körper, Politik, Sprache, Bilder. Trends, die wir übermorgen wieder vergessen haben. Der Geist der Zeit verändert sich fortlaufend.

Aber Zeit ist doch gewaltiger als ein reißender Fluss. Denn sie tickt ja nicht wirklich, rennt nicht, zieht sich nicht, fliegt auch nicht. Das sind nur die Beschreibungen unsere Zeitgefühle.

„Schon immer wurde die Zeit mit den Instrumenten verwechselt, die sie messen.“ – Cees Nooteboom

Es gibt eigentlich kein Wort für das, was sie tut. Sie scheint einfach unaufhaltsam voranzuschreiten. Sie reißt uns nicht nur mit sich, sie reißt an uns.

Treibgut

Wenn die Lebenszeit wie ein Fluss fließt, dann bin ich und jedes andere Lebewesen sowas wie Treibgut auf dem Wasser: ausgeliefert. Für manche ist da ein durch Schicksal oder Gott vorherbestimmter Weg. Andere schwimmen gegen den Mainstream der Gesellschaft, was Kraft kostet.

Ich habe nicht das Gefühl zu treiben oder zu schwimmen, sondern eher festzustecken, so als hätte mein Treibgut-Ich sich in einem ins Wasser hängenden Baum oder einem Netz verhakt.

Verhaktes Treibgut kommt nicht voran, geht auch nicht zurück, aber es ist trotzdem der Witterung ausgesetzt: es trocknet in der Sonne oder löst sich im Wasser auf, es sinkt zum Grund.

Man verändert sich mit der vorbeifließenden Zeit, ob man will oder nicht. Dagegen ist nicht das Leiseste zu unternehmen.

Das Problem ist das Gefühl, dabei das eigene Leben zu verpassen, auf Autopilot zu leben, andauernd überholt zu werden. Das wird nicht gerade besser, wenn man sieht, dass Leute im selben Alter heiraten und Kinder kriegen. Dass ehemalige Klassenkamerad*innen Zeitungsartikel veröffentlichen, ständig in Japan sind, sich einen Hund zulegen und so weiter.

Wieso fühlt sich das Leben wie ein Wettlauf an? Auch wenn wir das vielleicht manchmal denken, sind wir doch gar nicht im Wettlauf gegeneinander, sondern im Wettlauf gegen die Zeit: jeder für sich selbst.

Wo sehen Sie sich in 5 Jahren? Nirgendwo. Egal, was ich plane und was ich tun werde (denn irgendetwas werde ich sicher tun), ich werde immer noch hier sein, weil ich feststecke. Ich habe bereits aufgegeben. Da ist die Angst, etwas zu verpassen, der Wunsch nach Veränderung und gleichzeitig ein grundlegendes Desinteresse an allem.

„Ah, who will save me from existing? It’s neither death nor life that I want.“ – Fernando Pessoa

Keine Zeit

Warum leben wir so, wie wir leben, obwohl wir wissen, dass unser Leben endlich und kostbar ist?

  1. Wir können uns praktisch und im Sinne unserer mentalen Gesundheit nicht ständig mit dem herannahenden Tod befassen.
  2. Wir sind schwer beschäftigt: Wir müssen zur Schule gehen, um zur Uni gehen zu können, um einen Beruf finden zu können, um Geld verdienen zu können, um zu überleben.

Als Erwachsene verspüren wir oft Zeitstress oder einen vermeintlichen Mangel an Zeit. Häufig sagen wir, wir hätten „keine Zeit“, obwohl wir immer gleich viel Zeit haben. Und obwohl wir Zeit eigentlich gar nicht haben können.

Das Bild vom Hamsterrad ist omnipräsent in jeder Kritik von Systemtreue, kapitalistischer Arbeits-„Moral“ und Leistungsdruck.

Ich laufe nur mit einem Bein in diesem Hamsterrad: Ich studiere, ich habe noch einen Nebenjob, aber ich muss nicht jeden Tag um 6 Uhr aufstehen, 1 h zur Arbeit pendeln, um dann 8-9 h in einem stickigen Büro zu sitzen und dann 1 h zurückzupendeln. Ich bin nicht abhängig von Koffein, ich muss nicht alleine einen Haushalt führen, keine Schulden abbezahlen, keine zwei Kinder allein großziehen, weil mein Mann emotional abwesend ist.

Auch wenn all das in Aussicht steht, bin ich noch nicht erwachsen, oder rede mir das zumindest ein. Trotzdem finde ich kaum noch Zeit für Dinge, die ich gerne tue.

23 Jahre alt und zu spät. Mir läuft die Zeit davon. Sie ist gegen mich. Man fühlt sich gleichzeitig alt und jung, stolz und beschämt für eine Zahl. So viel Wert heften wir an unsere Zahl. Als würde jede Zahl neue Bedingungen an ein Leben stellen, die man nicht erfüllen kann.

„Mom, am i still young? Can I dream for a few months more?“ – Mitski

Zeit ist Geld

Zeit und Geld mögen soziale Konstrukte sein und trotzdem ist es wahr, dass Zeit Geld ist. Wir verkaufen täglich unsere Lebenszeit. Manchmal verschenken wir sie auch. Unbezahlte Überstunden. Work-Life-Balance.

Für jeden Arbeitgeber ist „Zeit ist Geld“ das oberste Gebot. Wie für meinen Chef, als ich im Kino gearbeitet habe. Nachdem eine Kollegin und ich an einem Sonntagmorgen da Unmengen an Snacks vorbereitet hatten (wobei ich jedes Mal, wenn ich dort war, das Gefühl hatte, gleich in Ohnmacht zu fallen), hat unser Chef mich gefragt, was wir denn bitte den ganzen Morgen gemacht hätten. Es war zu wenig.

Habt ihr One Battle After Another gesehen? Darin ist es ein Witz, dass Linke so was sagen wie: „Zeit ist eine Illusion und kontrolliert trotzdem unser Leben“. In der Szene war es lustig, weil das in der Realität zu pathetisch ist. Eigentlich ist es nur traurig, weil es wahr ist.

Subjektiv und Relativ

Es ist wissenschaftlich erforscht, dass Zeiterleben subjektiv ist. Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit bekanntlich wie im Flug. Wenn man Achterbahn fährt, ist eine Minute im Nu vorbei, aber wenn man im Wartezimmer sitzt, zieht sie sich wie Kaugummi. Beide Male ist die Minute aber gleich lang.

Als Kind können sich 10 Minuten oder ein Sommer ewig anfühlen, als Erwachsener hingegen sehr kurz. Wenn ich eine Deadline habe, rast die Zeit auf einmal. Dieses Empfinden kann individuell verschieden sein. Aber auch kollektiv lässt sich so was beobachten: die Zeit von 2015-2020 zum Beispiel hat sich für viele deutlich länger angefühlt, als die von Corona geprägten Jahre von 2020-2025.

Dass sich gleich lange Zeitabschnitte so unterschiedlich anfühlen können, liegt in komplexen neurologischen und psychologischen Prozessen begründet.1

Auch Menschen mit Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder Demenz können Zeit anders wahrnehmen. Unter dem Einfluss von Drogen kann sich die Zeitwahrnehmung ebenfalls verändern. Dieses Zeiterleben ist nicht weniger real.

Einsteins Relativitätstheorie besagt, ganz grob gesagt, dass Zeit und Raum nicht absolut, also nicht überall gleich sind. Sie hängen von der Geschwindigkeit ab, mit der sich der Beobachtende bewegt. Einstein bestätigt, dass Zeit tatsächlich nicht immer gleich schnell vergeht. Zwar merken wir von diesen feinen Unterschieden in unserem Alltag nichts, aber es ist doch bemerkenswert und zeigt, dass Zeit nicht das ist, wofür wir sie meist halten.2

Was ist überhaupt Zeit?

Diese Frage ist groß, größer als ich, aber das hier ist nur ein Versuch. Zahllose Physiker*innen meinen, Zeit sei lediglich eine Illusion. Klar, Kalender, Uhrzeiten und Jubiläen sind ausgedacht. Es gibt verschiedene Zeitzonen. Aber Zeit schreitet doch ewig voran, oder etwa nicht? Wenn Zeit nicht real ist, warum sind die Blumen auf meinem Schreibtisch dann vertrocknet?

Die Physik erklärt das so:

Dass die Zeit in unserem Empfinden vorwärts fließt, ist in Naturgesetzen so nicht festgelegt. In physikalischen Gesetzen ist Zeit in dem Sinne irrelevant, dass die Prozesse sowohl vorwärts als auch rückwärts funktionieren.

Warum wir trotzdem die „Effekte“ der Zeit wahrnehmen, liegt an der Entropie, einem Grundsatz der Thermodynamik. Sie beschreibt die Wahrscheinlichkeit von Systemen, sich von „geordneten“ zu „ungeordneten“ Zuständen zu entwickeln. In einem abgeschlossenen System nimmt die Entropie zu. Deshalb zerbricht z.B. ein Ei, setzt sich aber nicht wieder zusammen.2

Aus dieser Asymmetrie entsteht für uns die Vorstellung eines vorwärtsgerichteten Zeitpfeils und einer fließenden Zeit. Demnach erzeugen nicht die physikalischen Grundlagen von Zeit Vergänglichkeit, sondern unsere Erfahrungen in der Welt schaffen erst die Vorstellung von Zeit.

Eine ausführlichere Erklärung zur Zeit als Illusion gibt es hier:

Memento mori

Zeit ist also eine Illusion. Aber das, was wir unter Zeit verstehen, ist für uns trotzdem so wertvoll, weil unser Leben endlich ist.

„Der Sinn des Lebens liegt darin, dass es aufhört.“ – Franz Kafka

Das stimmt, und nicht auf eine depressive Weise. Wäre das Leben ewig, hätte es doch keinen Sinn je auch nur irgendetwas zu versuchen, weil man immer noch mehr Zeit hätte, es irgendwann einmal zu tun.

Gleichzeitig ist da die Einsicht, dass man nichts Signifikantes in seinem Leben tun wird. Assoziationsketten aufschreiben und dann sterben. Wer wird diesen Text je lesen? Nur Du, in diesem Moment, sonst ist doch nichts real. Das Leben ist eine Ansammlung merkwürdiger Geschichten und jeder will doch nur etwas zu erzählen haben.

Nichts bleibt, wenn meine Notizbücher verrottet sind. Ich bin ein Niemand, nicht mal ein Tropfen im Fluss der Menschheitsgeschichte. Du übrigens auch nicht. Und wenn wir gehen, verschwinden mit ein wenig Zeit alle Spuren von uns.

Der Trost: Es ist ein Privileg, sich überhaupt solche Gedanken machen zu können. Es geht allen gleich. Alles ist schrecklich, aber auch egal. Gar nichts ist wichtig. Aber für jeden sein eigenes Leben. Für mich alles hiervon.

„Jeder stirbt für sich allein.“ – Hans Fallada

Es ist nicht sehr produktiv viel über Zeit, Vergänglichkeit, Leben und Tod nachzugrübeln, denn das ändert nichts daran. Besser ist es, seine Zeit so zu nutzen, wie man es wirklich möchte.

Ich sollte den Laptop zuklappen und mich über den Frühling freuen, bevor er wieder vorbei ist.

Text: Hevi Lilly Surka

  1. Störungen der Erfahrung von Zeit bei psychischen Erkrankungen | Der Nervenarzt | Springer Nature Link ↩︎
  2. Was ist Zeit? ↩︎
  3. 10Zeit.pdf ↩︎