Was passiert, wenn zwischen Sprachen Räume entstehen, die sich nicht übersetzen lassen? Wenn Bedeutungen und Teile der Identität zu verschwinden drohen – wo beginnen Verluste und wo entstehen neue Möglichkeiten?
Merhaba, nasılsın? Çoktandır görüşemedik. Annenler ne yapıyor? Herkes iyi mi?
Mindestens einmal im Jahr bin ich in Istanbul. Ich besuche meine Familie, esse türkische traditionelle Gerichte, treffe Bekannte und Nachbarn. Ich gehe dieselben Straßen rauf und runter, trinke Çay in denselben Cafés und shoppe in derselben Mall. Vieles fühlt sich vertraut an, auch wenn ich nicht hier lebe. Bei meinem letzten Besuch habe ich neue Wege und Orte entdeckt. Es ist eigentlich völlig unspektakulär, aber ein spezifisches Straßenschild hat mich nicht losgelassen. Vielleicht, weil es etwas sichtbar machte, das sonst nur in mir existiert: zwei Orte, die sich nicht ausschließen, aber auch nicht deckungsgleich sind. Auf dem Schild stand: Köln Caddesi.

Eine deutsche Stadt, befestigt an einer türkischen Straße. Ich stand davor und wusste nicht, ob ich mich angesprochen oder beobachtet fühlen sollte. Womöglich beides.
Es ist nur ein Straßenschild. Und doch erzählt es von Wegen, die nicht gerade verlaufen. Von Orten, die sich überlagern. Von einem Zuhause, das mehr als einen Namen trägt. Irgendwie fühlte es sich auch an, als würde sich ein Kreis schließen. Schließlich gibt es in Köln längst eine Istanbulstraße. Aber das hier fühlte sich anders an.
Vielleicht hat mich dieses Straßenschild genau deshalb so beschäftigt. Weil Orte manchmal mehr sind als geografische Punkte. Sie sind Erinnerungen, Sprachen, Geschichten. Und manchmal tragen wir diese Orte nicht nur auf Landkarten, sondern in etwas viel Näherem: unserem Namen.
Mein Name ist vielleicht der erste Ort, an dem sich diese verschiedenen Strömungen begegnen. Er ist auch eines der Dinge, die sich nicht vollständig anpassen lassen, ohne etwas zu verlieren.
İzel: Yani bir iz bırakan el. Ya da eldeki hayat izleri.
Ich wurde schon vieles genannt, nur nicht bei meinen Namen. Isabelle. Giselle. Einfach, um sich die Aussprache zu erleichtern oder den Namen besser zu merken. Silben werden verschluckt, betont oder vereinfacht.
Ich sehe die Unsicherheit in den Augen der Menschen, die mich fragend ansehen, wenn sie nicht wissen, wie sie mich ansprechen sollen. Und auch wenn ich diese Unsicherheit nachvollziehen kann, zerbricht trotzdem jedes Mal etwas in mir. Weil es einem das Gefühl gibt, nicht richtig hineinzupassen. Ein einfacher Moment, der schon vor einem richtigen Gespräch scheitert.
Ich habe das Gefühl, dass ein Teil von mir somit nie das Tageslicht erreicht. Die falsche Aussprache ist das eine. Viel unauffälliger ist das, was dabei verloren geht. Bedeutungen, die niemand hört, weil sie nicht mitgesprochen werden.
Erst im Nachhinein merke ich, wie sehr der Verlust von Bedeutungen meinen Alltag und mein Leben beeinflusst. Es sind kleine Momente. Worte, die mir auf der Zunge liegen, aber nie ausgesprochen werden.
Es sind keine einfachen Wörter. Es sind Gewohnheiten und Gesten. Sie sind so in meinem Kopf verankert, dass ich sie nicht wegdenken kann. Sie sind ein Lebensstil und ein Lebensgefühl. Und es ist eine Art, miteinander zu sein und dies ganz unauffällig zu zelebrieren:
Ellerine sağlık.
Ich höre es am Tisch, nach dem Essen. Es ist kein einfaches „Danke“. Es ist Anerkennung, Nähe, Respekt – ausgesprochen nach einer Handlung, nicht nach einem Wort. Es ist ein Lob an die Hände, die etwas geschaffen haben.
Afiyet olsun.
Eine Antwort auf Ellerine sağlık. Es ist mehr als ein Wunsch, fast schon ein Ritual. Es beschreibt die Freude an der Freude anderer.
Çok yaşa.
Jemand niest. Es ist nicht einfach ein Wunsch für die Gesundheit. Es ist eine Aufforderung, lange und gesund zu leben. Und fast automatisch folgt darauf auch immer eine Reaktion:
Hep beraber.
Nicht allein. Zusammen. Immer. Es ist der Wunsch nach einem gemeinsamen langen und gesunden Leben. Es vermittelt Hoffnung und strahlt Positivität aus. Vielleicht ist es sogar eine Art von Versprechen.
Hoş geldin.
Und wenn man ankommt – irgendwo, egal ob erwartet oder unerwartet –, ist dies die erste Begrüßung. Es ist nicht einfach ein herzliches Willkommen. Es ist eine Freude darüber, dass jemand da ist, dass man die Person in dem Moment sieht. Diese Freude kennt keine Grenzen, denn sie gilt allen: Freunden, Familie oder Fremden. Und diese Freude wird anerkannt. Immer mit der gleichen Reaktion:
Hoş bulduk.
Die warme Begrüßung bleibt nicht unbeachtet. Es ist eine Erwiderung auf das herzliche Empfangen und Wertschätzen. Ein Ausdruck von Zufriedenheit und Respekt gegenüber dem Ort und den Menschen, die einen empfangen haben.
Kolay gelsin.
Eine Begrüßung und zugleich eine Form des Abschieds. Jedoch ist es mehr als das. Es ist der Wunsch, dass die Arbeit, egal wie sie aussieht, leicht von der Hand geht. Es ist, als würde man sagen: Ich hoffe, es fällt dir leicht und dein Tag verläuft reibungslos. Auch hier sind alle gemeint: Fremde wie Familie, zu Hause oder im Supermarkt. Der Ausdruck gilt allen Menschen.
Im Deutschen lassen sich diese Worte mal mehr und mal weniger übersetzen. Aber das, was zwischen ihnen passiert, bleibt blass:
In dem Moment, wo mir diese Worte auf der Zunge liegen, sie aber meinen Mund nicht verlassen, spüre ich diesen Verlust am stärksten. Denn genau dann vermisse ich das Gefühl von Wärme und Wohlwollen, das man selbst unbekannten Menschen entgegenbringt. Ich vermisse das Gefühl von Nähe, trotz einer unbestreitbaren Ferne. Ich vermisse diese Form von Gemeinschaft, die durch so wenig Worte erreicht werden kann. Ich vermisse es, dazuzugehören, ohne viel dafür tun zu müssen. Einfach zu existieren und trotzdem gesehen zu werden.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass vielen gar nicht bewusst ist, welche Macht und Wirkung Sprache besitzt und wie gravierend der Verlust durch Übersetzungen sein kann. Denn es geht so viel verloren – nicht nur Gefühle, sondern auch eine Form von Gemeinschaft und …
Diese Momente und Verluste halten mir vor Augen, dass ich nicht eindeutig irgendwohin gehöre. Dass in mir zwei Seiten stecken: zwei Menschen. Zwei Länder. Zwei Kulturen. Zwei Sprachen. Zwei Identitäten. Und diese koexistieren nicht immer so einfach nebeneinander.
“Güm, güm.”
Bir vücudun içinde kaç tane kalp atabilir?
Bir insanın içinde kaç tane can olabilir?
Kim olduğumu biliyorum ama içim parçalanmış gibi.
Kırık parçaları birbirine yapıştırıyorum.
Dışarıdan bütün görünüyor.
Yaklaştıkça parçaların kırık ya da eksik olduğunu fark ediyorsun.
Ich wünschte, es wäre nicht immer so holprig, nicht immer ein ständiges Auf und Ab. Ich wünschte, alle meine Seiten würden sich von selbst ergänzen – wie zwei Flüsse, die aufeinandertreffen und schließlich in einem einzigen münden. So fließend, unaufhaltsam und ohne Widerstand.
Aber vielleicht ist das genau die falsche Vorstellung. Vielleicht müssen diese Seiten gar nicht immer vollkommen ineinander übergehen. Vielleicht ist es in Ordnung, wenn sie nebeneinander existieren – manchmal harmonisch, manchmal widersprüchlich.
Schließlich bleibt nichts für immer gleich. Menschen verändern sich, entwickeln sich. Die Vorstellung, irgendwo hineinpassen zu müssen, nur weil es einfacher ist, fühlt sich, wenn ich genauer darüber nachdenke, plötzlich sehr klein an. Ich will mich doch verändern. Ich will mehr sein. Komplexer. Wenn es dazu gehört, dass ich nicht in eine Schublade passe, mir dafür aber andere Welten und Perspektiven eröffnet werden, dann sollte ich das in Kauf nehmen können.
Womöglich liegt diese Komplexität auch daran, dass mein Leben nicht nur in einer Sprache stattfindet. Manche Erinnerungen höre ich auf Türkisch. Andere erzählen sich auf Deutsch. Und wieder andere denken sich auf Englisch.
Damit gehen Verluste einher – Worte und Gefühle, die sich nicht übersetzen lassen.
Und doch frage ich mich, ob ich mich zu schnell damit abfinde. Vielleicht ist es zu einfach, dies nur als einen unkontrollierbaren Verlust zu sehen. Vielleicht liegt es auch an mir, ob diese Bedeutungen verloren gehen. Ob ich sie für mich behalte – oder ob ich versuche, sie sichtbar zu machen.
Vielleicht ist es auch meine Aufgabe, auf Menschen zuzugehen. Vielleicht liegt es an mir, ihnen meine Welt zu zeigen, anstatt darauf zu warten, dass sie sie von selbst verstehen. Vielleicht geht es darum, mir treu zu bleiben und meine Welten nicht nur in mir zu tragen, sondern sie sichtbar werden zu lassen.
Womöglich ist also die eigentliche Frage eine andere: Wie sähe eine Welt aus, in der ich mich nicht für eine Seite entscheiden muss? Eine Welt, in der ich vielfältig und komplex sein darf und mich ständig verändern kann, ohne mich verstecken zu müssen.
Vielleicht habe ich einen Teil dieser Welt schon gesehen.
In “Past Lives”, einem Film über zwei Menschen, die sich zwischen Sprachen und Leben wiederbegegnen, habe ich mich zum ersten Mal wirklich gesehen und repräsentiert gefühlt. Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Sondern dass genau dieses Dazwischen vollständig sein kann. Vielleicht ist es genau das, was solche Geschichten möglich machen. Sie zeigen, dass dieses Dazwischen kein Mangel ist. Dass es andere gibt, die in einer Koexistenz leben – zwischen Sprachen, Orten und Versionen von sich selbst. Nicht ganz hier, nicht ganz dort. Und trotzdem echt.
Dieses Gefühl, sich darin wiederzusehen, auch ohne dass alles erklärt wird, reicht oft schon aus. Einfach, weil es plötzlich normal ist. Und das tut gut.
Wahrscheinlich war es genau deshalb kein Zufall, dass mich dieses Straßenschild nicht losgelassen hat. Köln Caddesi. Zwei Orte. Zwei Sprachen. Kein Entweder-oder. Kein Dazwischen, das aufgelöst werden muss. Sondern einfach ein Nebeneinander.
Vielleicht ist das genau die Welt, nach der ich gesucht habe. Oder die, die ich längst in mir trage.
Text: Izel Ercanoğlu

